Es gibt in Indien wohl einen Großteil der Berufe, die auch in Deutschland gang und gäbe sind. Aber mir sind hier einige neue oder für uns unübliche Arten ins Auge gesprungen, wie man zu Geld kommen kann. Ich habe diese nicht danach unterteilt, wie reich man mit den verschiedenen Jobs jeweils werden kann (zumal das auch sehr vom persönlichen Einsatz, von Glück, vom Startkapital und natürlich vom Karma des einzelnen abhängt), sondern nur danach, wie schwer - körperlich oder auch mental - ich diese Art des Broterwerbs halte. Sicherlich machen manche der hier dargestellten Arbeitnehmer mehrere Jobs parallel.
Extrem hart
Rikscha-Fahrer
"Ich bin viel stärker, als ich aussehe - das muss ich als erstes sagen. Mit meiner Fahrrad-Rikscha geht es mir vergleichsweise echt gut. In Kolkata gibt es noch viele Kollegen, die sich selbst vor den Wagen spannen und die Leute durch die Gegend transportieren. Das ist noch härter, denke ich. Meine Fahrrad-Rikscha ist alt und klapprig, aber sie tut ihre Arbeit. In der Hitze ist mein Job natürlich noch anstrengender, aber ich bin mein eigener Chef und komme ganz gut zurecht. Die Menschen scheinen nicht genau zu wissen, wie sie uns einordnen sollen. Einerseits gehören wir schon zu den sehr Armen hier und wer unsere Dienste in Anspruch nimmt, trägt zu unserer Versorgung bei. Andererseits gibt es bei vielen Leuten eine Hemmschwelle, sich von der Körperkraft eines anderen Menschen transportieren lassen sollen."
Müll-Sortierer
Die Müll-Entsorgung in Indien befindet sich noch in den Kinderschuhen und ist nur an sehr wenigen Orten und nur sehr rudimentär institutionalisiert. Es gibt wenige Müllabfuhren, wenige Abfalleimer, wenig Personal für diesen Bereich. Deshalb ist das, was an Recycling passiert, von Privatleuten durchgeführt. Das sind die Ärmsten der Armen, die den Müll durchwühlen nach Rohstoffen wie Cola-Dosen oder Plastikflaschen, die sich weiter verkaufen lassen.
Mittelschwer
Bügler
"Ich stehe am Straßenrand, habe ein heißes Eisen, das ich auf dem Kohlefeuer neben mir immer wieder erhitze und bügel alles, was mir die Leute so vorbeibringen. Dabei muss ich aufpassen, dass die Kleider nicht wieder dreckig werden, was bei unseren Straßen hier manchmal gar nicht so einfach ist. Reich werde ich damit nicht, ich kann ja immer nur ein paar Rupien pro Kleidungsstück verlangen, aber es ist ein geruhsamer Job, mit dem ich über die Runden komme."
Tee-Mann (Chai-Wallah)
"Manchmal bin ich fest angestellt bei Firmen. Jede Firma ab drei Angestellten sollte einen Chai-Wallah haben. Wer sollte denn sonst vor- und nachmittags den Tee zubereiten und vorbeibringen? Wenn ich bei einer Firma arbeite, erledige ich in der freien Zeit auch noch leichte Hausmeister-Tätigkeiten. Es gibt auch freischaffende Chai-Wallahs. Sie laufen herum mit einer fertigen Kanne heißen, süßen Milchtees und verkaufen den für ein paar Rupien in kleinen Plastikbechern. Chai-Wallah-Unternehmer haben ihren eigenen Tee-Wagen mit einem Sortiment an Keksen und kochen die Milch für fast jeden Kunden frisch und heiß auf und mischen den Tee dann zusammen. Darauf muss der Kunden dann aber auch ein paar Minuten warten."
Laden-Besitzer
Für jeden Laden-Besitzer - von der Frau am Strand, die Hand-Henna-Bemalung verkauft bis hin zum Kleidergeschäft - ist das erste Geschäft des Tages das wichtigste. Denn wenn das gut war, wird es auch der Rest des Tages. Als wir in einer Ladengalerie morgens ganz früh einkaufen waren, ist noch ein Priester rumgegangen und hat alle Geschäfte und ihre Inhaber gesegnet, entweder mit etwas heiligem Rauch oder mit dem Punkt auf der Stirn.
Essens-Lieferant
"Wer isst am Arbeitsplatz nicht gerne selbstgekochtes? Aber dafür müsste die Ehefrau ja morgens um vier aufstehen und mit Kochen anfangen. Da das unpraktisch wäre, gibt es uns. Wir holen bei den Hausfrauen gegen 11 Uhr das Essen ab und liefern es dann dorthin, wo der Gatte arbeitet. Das ist oft quer durch die Stadt. Wir sind nach Gebieten aufgeteilt, aber es ist dennoch immer eine Herausforderung, dass jeder auch wirklich das eigene Gericht vorgesetzt bekommt. Die Hausfrauen füllen uns das Gekochte ich Metall-Dosen, die gestapelt zusammengeklemmt werden. Eine Dose mit Daal, eine mit ein paar Chapati, eine große mit Reis, eine mit einem Fleisch- oder Fischgericht und eine mit einem Gemüsegericht. Das ist so der Standard."
Jeep-Fahrer in Sikkim
"Ich kann erst losfahren, wenn 11 Fahrgäste im Wagen sitzen. Drei davon sitzen direkt neben mir auf der Vorderbank, der eine muss mich umarmen, damit wir alle vier dahin passen. Bei dem anderen zwischen den Beine kuppele ich. Meistens fahre ich für Jeep-Vereinigungen, wo es einen Schalter gibt, an dem die Fahrgäste ihr Ticket und ihren Sitzplatz buchen und bezahlen. Das ist natürlich praktisch, weil ich mich dann selbst nicht darum kümmern muss, dass das Auto voll wird. Aber dafür geht auch ein nicht unerheblicher Teil des Fahrpreises an die Organisation. Insofern muss ich recht schnell und halsbrecherisch fahren, um die Strecke etwa zwischen Kalimpong und Siliguri, die die anderen vielleicht nur dreimal am Tag fahren, viermal zu schaffen. Das sieht aber immer gefährlicher aus, als es ist."
Kioskbesitzer
"Mein Laden ist mein ganzer Stolz. Ich habe ein Sortiment, das sich nicht groß von dem meines Nachbarn unterscheidet: Diverse Kekse und Chips, kalte Getränke, Shampoos, manchmal Zigaretten und natürlich Süßigkeiten. Der Laden selbst ist klein und manchmal auf Rädern. Auf jeden Fall muss ich da den ganzen Tag im Schneidersitz drin sitzen, weil für einen Stuhl weder die Tiefe noch die Höhe vorhanden ist. Wenn es ein fester Stand am Straßenrand ist, wohne und schlafe ich darin meist auch. Soviel Platz brauche ich ja nicht."
Bedienung im Café oder Restaurant
"Ach, wieso soll ich mir denn die Mühe machen und die Bestellung selbst aufschreiben? Das kann der Kunde doch genauso gut. Auch vorher zu sagen, was wir gerade nicht haben, mache ich meistens nicht, am Ende vergraule ich die Gäste noch, bevor sie sich überhaupt hingesetzt haben. Naja, vielleicht ist es manchmal nicht so geschickt, wenn ich zB als Kellner der Kaffee-und-Kuchen-Kette Coffee Day erst nach zehn Minuten erzähle, dass die Kaffeemaschine heute nicht funktioniert. Oder wenn ich als Restaurant-Kellner die Gäste erst ewig die ausführliche Karte studieren lasse, bis ihnen so richtig das Wasser im Mund zusammen gelaufen ist, um ihnen dann erst zu eröffnen, dass wir übrigens gar kein Hühnchen haben. Und der Tandoori-Ofen bleibt heute auch kalt. Es bleiben also Linsen-, Gemüse- und Fischgerichte. Aber das ist ja nicht immer so. Meistens gibt es ja fast alles, was auf der Karte steht. Mit dem Bedienen kann ich mir auch Zeit lassen. So ein Getränk kann schonmal zehn Minuten brauchen, bis es gefunden, geöffnet und serviert ist. Gut Ding will Weile haben. Dies gilt natürlich umso mehr fürs Essen. Als ich in Puri gearbeitet habe, war es für alle Gäste in allen Restaurants völlig normal, mindestens eine Stunde auf ihre Bestellung zu warten - unabhängig davon, ob es ein Obst-Joghurt oder ein Hühnchen-Curry war."
Ampel-Händler
"Mein Job ist ziemlich mühsam. Ich stehe an Ampeln und warte darauf, dass sie rot werden. Dann düse ich zwischen den Autos umher und versuche, meine Produkte an den Mann zu bringen. Handtücher, Seifen, Kaugummis, Zeitungen, Luftballons, Bälle, anderes Plastik-Spielzeug usw - eben alles, was leicht ist und attraktiv-bunt leuchtet. Richtig viele Kunden finde ich aber nie, die meisten winken ab, wenn sie mich sehen. Da muss ich schon Glück haben und die Augen eines Kindes so zum Leuchten bringen, dass die Eltern nicht anders können. Oder gerade genau das Shampoo oder den Kaugummi anbieten, auf den die Taxifahrer an dem Tag abfahren."
Taxifahrer
"Ich muss Auto fahren können und die Stadt etwas kennen. Auch wenn ich nicht genau weiß, wo ich hinmuss, irgendjemand wird es mir schon erklären. Englisch ist nicht notwendig, wer meine Sprachen nicht spricht, hat halt Pech gehabt. Mit diesen Leuten kann ich dann auch die ein oder andere Runde drehen, ohne dass sie es sofort merken. Wechselgeld habe ich grundsätzlich nicht - wer freut sich nicht über ein unerwartet hohes Trinkgeld?!"
Easy Going
Chauffeur mit eigenem Auto
"Ich fahre die Touris auf den Tigerhill bei Darjeeling, vielleicht so zwei- oder dreimal die Woche. Die zahlen dafür 700 Rupien (gute 10 Euro). Sicher, dafür muss ich früh aufstehen, die meisten wollen so gegen 4.30 Uhr losfahren. Aber ich fahr die in ner knappen halben Stunde hoch, warte dann gemütlich im Auto, bis die Sonne aufgegangen ist, die Touris ihre Bilder gemacht haben und halb erfroren wieder ins Auto gekrochen kommen. Da ich eine der älteren Damen, die auf dem Berg heißen Kaffee und Tee verkaufen, im gleichen Autos wie die Touris für umme mit hochgenommen habe, bin ich zumindest mit kostenlosen Heißgetränken versorgt. Gegen 7 oder spätestens 8 Uhr morgens bin ich wieder daheim."
Hotelbesitzer
"Mein Hotel hat 15 Zimmer, die ich für ca. 700 Rupien (12 Euro) pro Nacht vermiete. Wenn die Mieter wechseln, macht mein Personal (das ich für Kost+Logis sowie ein paar hundert Rupien im Monat beschäftige) den Raum sauber. Bei der Ankunft lasse ich die Hotelgäste die Anmeldungbogen selbst ausfüllen und unterschreibe nur. Wenn die Gäste was zu essen bestellen, sollen die das ebenfalls selbst auf den Bestellzettel schreiben. Wenn sie abreisen, machen wir die Abrechnung zusammen, was immer recht lange dauert. Vorbereiten ist nicht so meine Stärke und wir haben ja alle Zeit. Den Rest des Tages sitze ich im Empfangsbereich, schwätze mit meinen Freunden und genieße den Müßiggang. Klar, das Hotel könnte mal wieder eine Renovierung vertragen. Es gibt viele Stellen, die man schöner machen könnte, ausbessern oder verzieren oder so. Dann könnte ich vielleicht auch einen höheren Preis dafür verlangen. Ja, vielleicht mache das irgendwann mal. Hat ja auch keine Eile."
Anmerkung: Ihr werdet es euch gedacht haben, das sind natürlich keine O-Töne, sondern meine Worte, die ich den Leuten frecherweise in den Mund gelegt habe. Was ich beschreibe, sind einzig meine Beobachtungen, die natürlich falsch oder Einzelfälle sein können.
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wirklich interessante Idee: aus der Sicht des Beobachtens (Europäerin!)die verschiedenen Arten des "Broterwerbs" zu schildern.....
AntwortenLöschenalles "Freiberufler".