Sonntag, 29. März 2009

Home sweet home

Ich fahre so gerne weg. Entdecke ein winzigkleines Stück von dieser riesigen Welt, lerne neue Menschen kennen, neue Kulturen, neue Gedanken, neue Bräuche. Neue Temperaturen. ;) Ich beobachte, frage, lerne und verstehe natürlich nur Bruchteile von dem, was ich sehe. Aber es macht einen Riesenspaß. Und wisst ihr, was das tollste an diesen Reisen ist? Das Nachhausekommen. Ich bin so gerne in Frankfurt, ich bin so glücklich mit meiner Familie, meinen Freunden, meinem Job, meinem Zuhause und zb auch meinem Chor, dass ich einfach total gerne wieder heimkomme. Und es liegt auch an der Stadt.

Je mehr ich von der Welt sehe, desto dankbarer bin ich zudem für das Leben, was ich in Deutschland haben darf. Es ist wirklich ein großes Glück, hier geboren worden zu sein. Ich denke, jeder meistert sein Leben überall auf der Welt, und wäre ich in Indien als Tochter von Bettlern, Obdachlosen, Slumbewohnern, Hosenbüglern, Teeverkäufern oder von mir aus Bauern und Obstverkäufern geboren worden, hätte wohl ich keine Schul- geschweige denn Universitätsbildung erhalten, würde vielleicht gerade mal lesen und schreiben können, wäre superdünn und würde ganz schön zu kämpfen haben, um mich und meine Familie satt zu bekommen. Aber ich wäre sicherlich auch glücklich - zumindest war das mein Eindruck in Indien und auch in China. Dass Glück auch in den ärmsten Häusern empfunden wird. Dort scheint niemand total verzweifelt ob seiner Lage zu sein und mit dem Schicksal oder Gott deshalb zu hadern. Es ist eine faszinierende Lebenseinstellung, die sicherlich auch mit Religion zu tun hat. Was ich sagen will: Wäre ich in Indien geboren, würde ich das Leben dort so kennen und nichts anderes, könnte ich dort auch glücklich sein. So komme ich aber nur als Beobachter und darf nach ein paar Wochen wieder zu unseren sauberen, hupfreien Straßen zurück, zu den grünen Parks, zur guten Luft (oh ja, in Frankfurt, glaubt mir, ich meine es so!), zu Wäldern, zu gefahrlosen Eiswürfeln und Fruchtsäften, zur Verfügbarkeit sämtlicher denkbarerer Waren, zu einem funktionierenden, meist zuverlässigen Öffentlichen Verkehrssystem, zu Straßen, an deren Rändern eher selten pinkelnde Männer zu sehen sind, zu Bürgersteigen, auf denen man laufen UND gleichzeitig die Leute oder Schaufenster beobachten kann (weil keine unverhofften Abgründe oder Löcher drohen), zu Büchern, Filmen, Musik, Theater, Konzerten, Spieleabenden, Sing-Events (Chiquitita.....) und so weiter. Und dafür bin ich wirklich dankbar.

Dienstag, 24. März 2009

Der Strand von Puri

w-puri-strand
Nach den nicht vorhandenen, najagut, nicht gesehenen sensationellen Bergen um Darjeeling hatte ich sehr geringe Erwartungen an den Strand von Puri. Auch der Reiseführer ergoss sich nicht gerade in Begeisterungsstürmen. Aber als wir ankamen, fand ich ihn doch recht attraktiv. Eigentlich, bis auf den fehlenden Schatten, ein perfekter Strand: sehr, sehr viel feinkörniger Sand, auch im Meer reiner Sandboden, keine Steinen, keine Algen, keine Quallen, keine anderen Monster. Bis auf viele, viele Krabben, die sich aber brav verdrückt haben, wenn man in ihre Nähe kam. Das Meer wirklich sauber, der Strand auch relativ sauber. Tolle hohe Wellen, also so hohe, dass mein Kopf im knietiefen Wasser auch mal nasswerden konnte. Also, ich fluche ja immer auf son Ballermannscheiß und diese ganzen schrecklich touristisch erschlossenen strände. Ab jetzt weiß ich es aber auch zu schätzen. In Puri nämlich vermietet niemand Sonnenschirme und -stühle - das wäre echt perfekt gewesen. Es kommt auch niemand mit Cocktails und Eiscreme vorbei (wenn man von echten Kokosnüssen bzw. deren in selbiger dargereichten Saft und selbst gefrorenem, bunt gefärbtem Wassereis mal absieht). Schatten kann man dann aber doch kaufen, und zwar in Form von einer Plastikplane, die kunstvoll mit vier Pfählen, vier Seilen und vier Pflöcken gespannt wird. Aber der gute Mann will natürlich, sich der Marktlage und der quälend-heißen Sonne bewusst, ein Heidengeld dafür haben. 100 Rupien für ein paar Stunden. Das sind zwar nur 1,60 Euro, aber wenn ich weiß, dass ich dafür 20 Toast mit Rührei oder 25 kleine Teebecher oder vier Salatteller bekomme, finde ich das echt viel Geld. Zumal die Massage, die uns auch mehrmals täglich angeboten wird, 150 Euro für eine Stunde kostet. Und der Mensch tut wirklich was für sein Geld. Am Strand in sengender Sonne 60 Minuten lang jemanden durchzukneten kostet sicher richtig viel Kraft und Schweiß. Nach sehr zähen Verhandlungen konnten wir den Schattenverkäufer auf 50 Rupien runterdrücken - aber dann kam er auch nach drei Stunden und wollte seinen Schatten wiederhaben. Nicht, dass er die Plane gebraucht hätte, die Nutzungszeit war einfach abgelaufen. Pah!

Auch ansonsten wird man sehr oft angesprochen, was den Strandaufenthalt nicht zu einem erholsamen Event in unserer Definition werden lässt. Ob wir Schmuck kaufen wollen? Eine Massage? Eine Kokosnuss? Bananen? Selbstgemachtes Eis? Warmes Essen? Ob wir einfach so mal ein paar Rupien locker machen können? Aus welchem Land wir kämen? Ob wir Zeit für ein Interview bzgl. interkultureller Studien hätten? Kamelreiten gefällig? Mehr fällt mir gerade nicht ein. Aber all dies mehrmals am Tag. Das kann nerven, ich sag es euch. Und natürlich geben die guten Leute auch nicht beim ersten Nein auf, sondern man muss seinem Unwillen mehrmals Ausdruck verleihen. Ein zweiter Punkt, der den Meergenuss trübt, sind die indischen Sitten. Wenige können schwimmen, das heißt NIEMAND wagt sich weiter vor als ca. zehn Meter ins Meer hinaus. Hinzu kommt in Puri noch die extrem starke Strömung, die einem wirklich leicht den Boden unter den Füßen wegreißen kann. Insofern ist hier also ein Plantschen und Wellenspringen in sehr naher Ufernähe angesagt. Zum zweiten die Kleidung. Die indischen Frauen gehen ALLE mit kompletten Kleidern ins Wasser. Ob das die Saris sind, die aus fünf Metern Stoff bestehen oder die Dreiteiler. Nichtmal das Tuch davon lassen sie weg, sie gehen in kompletter Montur ins Wasser. Ich weiß gar nicht, was sie danach machen. Gehen sie dann triefend ins Hotel und tropfen dort alles voll? Warten sie so lange in der Sonne, bis sie so halbwegs trocken sind? Keine Ahnung. Die Männer gehen auch fast alle mit halblanger Hose und T-shirt ins Wasser, wir haben nur zwei oder drei Männer insgesamt gesehen, die in Badehosen plantschten. Da kommt man sich in seinem eigentlich braven Badeanzug auf einmal schon recht nackt und unzüchtig vor. Aber ich will nicht meine kompletten Kleider versalzen.

Ansonsten haben wir in Puri die Backpacker-Annehmlichkeiten genossen, die solche Orte, die viele Rucksack-Touristen und Hippies wie uns :) anziehen, mit sich bringen: Morgens Bananen-Schoko-Pancakes, Omlettes, Kaffee, Obst mit Joghurt, Müsli und so weiter. Abends haben wir ein paar Mal das angepriesene SeaFood probiert, aber hatten irgendwie kein Glück und der Fisch hat nicht so berauschend geschmeckt.

Aber selbst in Puri sollte man nicht nur am Strand oder in Cafes rumhängen und Urlaub machen. Schließlich ist im 30 km entfernten Konark der zum Unesco-Weltkulturerbe ernannte Sonnentempel. Dort haben wir uns einen staatlichen Führer geleistet, der uns viel über den Tempel erzählte. Hier ein Auszug aus Wikipedia:
"Die Tempelanlage wurde Mitte des 13. Jahrhunderts unter König Narasimha Deva (1238–1264) gebaut. Der Bau wurde als symbolisches Gespann (Ratha) des Sonnengottes Surya mit sieben Pferden errichtet. Von Surya ist auf der Rückseite noch ein Standbild aus grünem Granit erhalten. An der hohen Sockelzone des Tempels befinden sich 24 große, aus dem Stein gemeißelte Wagenräder, Reste der Zugpferde und eine enorme Vielzahl von detailreichen kleineren Darstellungen. Viele davon stellen Menschen bei sexuellen Handlungen dar."
Der Führer hat uns einiges berichtet über die Entstehungsgeschichte, über Architektur, Tänze und Sex im allgemeinen und im religiösen Kontext. Leider hatten wir beide Probleme, seine Aussprache zu verstehen, insofern ist nicht soooo viel hängen geblieben. Aber ein paar Fotos für euch haben wir natürlich.
w-konkark

Freitag, 20. März 2009

Spaziergang in Kolkata - Filmchen

Bei einem Botschaftsempfang in Kolkata habe ich die hier schon länger wohnenden Deutschen gefragt, was ihnen am meisten fehlt. Einer meinte, ein ganz normaler Waldspaziergang - woraufhin eine deutsche Ehefrau zustimmte und sagte: "Ja, hier in Kolkata kann man ja nicht spazieren gehen. Wenn man es tut, läuft man durch die Küchen, Bäder und Wohnzimmer der Menschen." Das trifft es ziemlich genau.

An dem Tag, den wir auf der Fahrt von Kalimpong im Norden zum südlich gelegenen Puri wieder in Kolkata verbrachten, habe ich ein paar kurze Filme von den engeren Straßen hier - aus dem Taxi heraus - gedreht, damit ihr seht, wie sehr das stimmt.
w-spaziergang

Donnerstag, 19. März 2009

Broterwerb in Indien

Es gibt in Indien wohl einen Großteil der Berufe, die auch in Deutschland gang und gäbe sind. Aber mir sind hier einige neue oder für uns unübliche Arten ins Auge gesprungen, wie man zu Geld kommen kann. Ich habe diese nicht danach unterteilt, wie reich man mit den verschiedenen Jobs jeweils werden kann (zumal das auch sehr vom persönlichen Einsatz, von Glück, vom Startkapital und natürlich vom Karma des einzelnen abhängt), sondern nur danach, wie schwer - körperlich oder auch mental - ich diese Art des Broterwerbs halte. Sicherlich machen manche der hier dargestellten Arbeitnehmer mehrere Jobs parallel.

Extrem hart
Rikscha-Fahrer
"Ich bin viel stärker, als ich aussehe - das muss ich als erstes sagen. Mit meiner Fahrrad-Rikscha geht es mir vergleichsweise echt gut. In Kolkata gibt es noch viele Kollegen, die sich selbst vor den Wagen spannen und die Leute durch die Gegend transportieren. Das ist noch härter, denke ich. Meine Fahrrad-Rikscha ist alt und klapprig, aber sie tut ihre Arbeit. In der Hitze ist mein Job natürlich noch anstrengender, aber ich bin mein eigener Chef und komme ganz gut zurecht. Die Menschen scheinen nicht genau zu wissen, wie sie uns einordnen sollen. Einerseits gehören wir schon zu den sehr Armen hier und wer unsere Dienste in Anspruch nimmt, trägt zu unserer Versorgung bei. Andererseits gibt es bei vielen Leuten eine Hemmschwelle, sich von der Körperkraft eines anderen Menschen transportieren lassen sollen."

Müll-Sortierer
Die Müll-Entsorgung in Indien befindet sich noch in den Kinderschuhen und ist nur an sehr wenigen Orten und nur sehr rudimentär institutionalisiert. Es gibt wenige Müllabfuhren, wenige Abfalleimer, wenig Personal für diesen Bereich. Deshalb ist das, was an Recycling passiert, von Privatleuten durchgeführt. Das sind die Ärmsten der Armen, die den Müll durchwühlen nach Rohstoffen wie Cola-Dosen oder Plastikflaschen, die sich weiter verkaufen lassen.

Mittelschwer
Bügler
"Ich stehe am Straßenrand, habe ein heißes Eisen, das ich auf dem Kohlefeuer neben mir immer wieder erhitze und bügel alles, was mir die Leute so vorbeibringen. Dabei muss ich aufpassen, dass die Kleider nicht wieder dreckig werden, was bei unseren Straßen hier manchmal gar nicht so einfach ist. Reich werde ich damit nicht, ich kann ja immer nur ein paar Rupien pro Kleidungsstück verlangen, aber es ist ein geruhsamer Job, mit dem ich über die Runden komme."

Tee-Mann (Chai-Wallah)
"Manchmal bin ich fest angestellt bei Firmen. Jede Firma ab drei Angestellten sollte einen Chai-Wallah haben. Wer sollte denn sonst vor- und nachmittags den Tee zubereiten und vorbeibringen? Wenn ich bei einer Firma arbeite, erledige ich in der freien Zeit auch noch leichte Hausmeister-Tätigkeiten. Es gibt auch freischaffende Chai-Wallahs. Sie laufen herum mit einer fertigen Kanne heißen, süßen Milchtees und verkaufen den für ein paar Rupien in kleinen Plastikbechern. Chai-Wallah-Unternehmer haben ihren eigenen Tee-Wagen mit einem Sortiment an Keksen und kochen die Milch für fast jeden Kunden frisch und heiß auf und mischen den Tee dann zusammen. Darauf muss der Kunden dann aber auch ein paar Minuten warten."

Laden-Besitzer
Für jeden Laden-Besitzer - von der Frau am Strand, die Hand-Henna-Bemalung verkauft bis hin zum Kleidergeschäft - ist das erste Geschäft des Tages das wichtigste. Denn wenn das gut war, wird es auch der Rest des Tages. Als wir in einer Ladengalerie morgens ganz früh einkaufen waren, ist noch ein Priester rumgegangen und hat alle Geschäfte und ihre Inhaber gesegnet, entweder mit etwas heiligem Rauch oder mit dem Punkt auf der Stirn.

Essens-Lieferant
"Wer isst am Arbeitsplatz nicht gerne selbstgekochtes? Aber dafür müsste die Ehefrau ja morgens um vier aufstehen und mit Kochen anfangen. Da das unpraktisch wäre, gibt es uns. Wir holen bei den Hausfrauen gegen 11 Uhr das Essen ab und liefern es dann dorthin, wo der Gatte arbeitet. Das ist oft quer durch die Stadt. Wir sind nach Gebieten aufgeteilt, aber es ist dennoch immer eine Herausforderung, dass jeder auch wirklich das eigene Gericht vorgesetzt bekommt. Die Hausfrauen füllen uns das Gekochte ich Metall-Dosen, die gestapelt zusammengeklemmt werden. Eine Dose mit Daal, eine mit ein paar Chapati, eine große mit Reis, eine mit einem Fleisch- oder Fischgericht und eine mit einem Gemüsegericht. Das ist so der Standard."

Jeep-Fahrer in Sikkim
"Ich kann erst losfahren, wenn 11 Fahrgäste im Wagen sitzen. Drei davon sitzen direkt neben mir auf der Vorderbank, der eine muss mich umarmen, damit wir alle vier dahin passen. Bei dem anderen zwischen den Beine kuppele ich. Meistens fahre ich für Jeep-Vereinigungen, wo es einen Schalter gibt, an dem die Fahrgäste ihr Ticket und ihren Sitzplatz buchen und bezahlen. Das ist natürlich praktisch, weil ich mich dann selbst nicht darum kümmern muss, dass das Auto voll wird. Aber dafür geht auch ein nicht unerheblicher Teil des Fahrpreises an die Organisation. Insofern muss ich recht schnell und halsbrecherisch fahren, um die Strecke etwa zwischen Kalimpong und Siliguri, die die anderen vielleicht nur dreimal am Tag fahren, viermal zu schaffen. Das sieht aber immer gefährlicher aus, als es ist."

Kioskbesitzer
"Mein Laden ist mein ganzer Stolz. Ich habe ein Sortiment, das sich nicht groß von dem meines Nachbarn unterscheidet: Diverse Kekse und Chips, kalte Getränke, Shampoos, manchmal Zigaretten und natürlich Süßigkeiten. Der Laden selbst ist klein und manchmal auf Rädern. Auf jeden Fall muss ich da den ganzen Tag im Schneidersitz drin sitzen, weil für einen Stuhl weder die Tiefe noch die Höhe vorhanden ist. Wenn es ein fester Stand am Straßenrand ist, wohne und schlafe ich darin meist auch. Soviel Platz brauche ich ja nicht."

Bedienung im Café oder Restaurant
"Ach, wieso soll ich mir denn die Mühe machen und die Bestellung selbst aufschreiben? Das kann der Kunde doch genauso gut. Auch vorher zu sagen, was wir gerade nicht haben, mache ich meistens nicht, am Ende vergraule ich die Gäste noch, bevor sie sich überhaupt hingesetzt haben. Naja, vielleicht ist es manchmal nicht so geschickt, wenn ich zB als Kellner der Kaffee-und-Kuchen-Kette Coffee Day erst nach zehn Minuten erzähle, dass die Kaffeemaschine heute nicht funktioniert. Oder wenn ich als Restaurant-Kellner die Gäste erst ewig die ausführliche Karte studieren lasse, bis ihnen so richtig das Wasser im Mund zusammen gelaufen ist, um ihnen dann erst zu eröffnen, dass wir übrigens gar kein Hühnchen haben. Und der Tandoori-Ofen bleibt heute auch kalt. Es bleiben also Linsen-, Gemüse- und Fischgerichte. Aber das ist ja nicht immer so. Meistens gibt es ja fast alles, was auf der Karte steht. Mit dem Bedienen kann ich mir auch Zeit lassen. So ein Getränk kann schonmal zehn Minuten brauchen, bis es gefunden, geöffnet und serviert ist. Gut Ding will Weile haben. Dies gilt natürlich umso mehr fürs Essen. Als ich in Puri gearbeitet habe, war es für alle Gäste in allen Restaurants völlig normal, mindestens eine Stunde auf ihre Bestellung zu warten - unabhängig davon, ob es ein Obst-Joghurt oder ein Hühnchen-Curry war."

Ampel-Händler
"Mein Job ist ziemlich mühsam. Ich stehe an Ampeln und warte darauf, dass sie rot werden. Dann düse ich zwischen den Autos umher und versuche, meine Produkte an den Mann zu bringen. Handtücher, Seifen, Kaugummis, Zeitungen, Luftballons, Bälle, anderes Plastik-Spielzeug usw - eben alles, was leicht ist und attraktiv-bunt leuchtet. Richtig viele Kunden finde ich aber nie, die meisten winken ab, wenn sie mich sehen. Da muss ich schon Glück haben und die Augen eines Kindes so zum Leuchten bringen, dass die Eltern nicht anders können. Oder gerade genau das Shampoo oder den Kaugummi anbieten, auf den die Taxifahrer an dem Tag abfahren."

Taxifahrer
"Ich muss Auto fahren können und die Stadt etwas kennen. Auch wenn ich nicht genau weiß, wo ich hinmuss, irgendjemand wird es mir schon erklären. Englisch ist nicht notwendig, wer meine Sprachen nicht spricht, hat halt Pech gehabt. Mit diesen Leuten kann ich dann auch die ein oder andere Runde drehen, ohne dass sie es sofort merken. Wechselgeld habe ich grundsätzlich nicht - wer freut sich nicht über ein unerwartet hohes Trinkgeld?!"

Easy Going
Chauffeur mit eigenem Auto
"Ich fahre die Touris auf den Tigerhill bei Darjeeling, vielleicht so zwei- oder dreimal die Woche. Die zahlen dafür 700 Rupien (gute 10 Euro). Sicher, dafür muss ich früh aufstehen, die meisten wollen so gegen 4.30 Uhr losfahren. Aber ich fahr die in ner knappen halben Stunde hoch, warte dann gemütlich im Auto, bis die Sonne aufgegangen ist, die Touris ihre Bilder gemacht haben und halb erfroren wieder ins Auto gekrochen kommen. Da ich eine der älteren Damen, die auf dem Berg heißen Kaffee und Tee verkaufen, im gleichen Autos wie die Touris für umme mit hochgenommen habe, bin ich zumindest mit kostenlosen Heißgetränken versorgt. Gegen 7 oder spätestens 8 Uhr morgens bin ich wieder daheim."

Hotelbesitzer
"Mein Hotel hat 15 Zimmer, die ich für ca. 700 Rupien (12 Euro) pro Nacht vermiete. Wenn die Mieter wechseln, macht mein Personal (das ich für Kost+Logis sowie ein paar hundert Rupien im Monat beschäftige) den Raum sauber. Bei der Ankunft lasse ich die Hotelgäste die Anmeldungbogen selbst ausfüllen und unterschreibe nur. Wenn die Gäste was zu essen bestellen, sollen die das ebenfalls selbst auf den Bestellzettel schreiben. Wenn sie abreisen, machen wir die Abrechnung zusammen, was immer recht lange dauert. Vorbereiten ist nicht so meine Stärke und wir haben ja alle Zeit. Den Rest des Tages sitze ich im Empfangsbereich, schwätze mit meinen Freunden und genieße den Müßiggang. Klar, das Hotel könnte mal wieder eine Renovierung vertragen. Es gibt viele Stellen, die man schöner machen könnte, ausbessern oder verzieren oder so. Dann könnte ich vielleicht auch einen höheren Preis dafür verlangen. Ja, vielleicht mache das irgendwann mal. Hat ja auch keine Eile."

Anmerkung: Ihr werdet es euch gedacht haben, das sind natürlich keine O-Töne, sondern meine Worte, die ich den Leuten frecherweise in den Mund gelegt habe. Was ich beschreibe, sind einzig meine Beobachtungen, die natürlich falsch oder Einzelfälle sein können.

Ein guter Begleiter, Logbucheintrag 1. Offizier Daniel P.

Gemeint ist hiermit nicht nur meine Frau, ohne die ich erst gar nicht nach Indien gefahren wäre, sondern über Daniela und den Lonely Planet Reiseführer hinaus auch noch ein zweites und äußerst lesenswertes Buch, das ich während der Reise las: Ilija Trojanow - Der Sadhu an der Teufelswand mit gesammelten Reportagen aus einem anderen Indien. Neben der Philosophie des Straßenverkehrs (Ich hupe, also bin ich) hilft dieses Buch mit seinen Episoden über Feste, Natur, Reisen und Kultur, Bombay und Kalkutta, Indien in seiner Vielfalt und in einem ganzheitlichen Spektrum zu betrachten und nicht nur die negativen Stereotype zu vorschnell oder vorurteilhaft zu übernehmen. Die Slums in den Großstädten zum Beispiel oder das Verkehrschaos sind dabei nicht lediglich als eine Ansammlung von Armut, Elend und Gestank zu sehen, sondern vor allem auch als eine von der Regierung für ihre Bürger akzeptierte Lebensform! Noch gibt es sie nicht, die besseren Alternativen und jeder betrachtet diese Zustände auf seine eigene Weise. Auch Hollywood hat sich ja mit Slumdog Millionaire dem Thema angenommen und Zyniker aus der indischen Comedyszene skandieren man solle ruhig noch weitere Slums bauen oder sich entwickeln lassen, wenn dafür sogar schon Oscars verliehen werden...

Mittwoch, 18. März 2009

Zwei Riesen in Namchi

o_namchi
Zwischen Gangtok und Kalimpong liegt Namchi - ein Ort, an den es bisher vor allem buddhistische Pilger zieht. Ein Grund dafür ist die 45 m hohe Statue des Heiligen Padmasambhava, auch als Guru Rinpoche bekannt, auf dem Samdruptse-Berg. Und als ob eine riesige Statue nicht genug wäre, ist man gerade dabei, auch dem Hinduismus einen Tribut zu zollen: Ein paar Kilometer weiter soll in sechs Monaten eine 33 m hohe Shiva-Statue auf dem Solophok-Berg fertiggesetllt sein. Was bis jetzt davon zu sehen ist, ist ganz schön beeindruckend.

Kalimpong

p_kalimpong
Unsere letzte station im Norden ist Kalimpong. Hier verbringen wir zwei geruhsame Tage in einem Hotel, das die Zimmer als kleine Cottages auf dem Grundstück, auf dem auch Orchideen gezüchtet werden, verteilt hat. Es ist ruhig und grün, was wir sehr genießen. Kalimpong selbst ist ein sympathisches örtchen, in dem wir einen Tempel und den Markt besuchen. Ganz unverhofft und durch einen glücklichen Zufall entdecken wir dann sogar noch einen bildhübschen Mini-Park, in dem vor allem junge Leute sitzen und sich unterhalten. Er ist liebevoll angelegt und hat sicherlich auch eine tolle Aussicht auf das umliegende Bergpanorama, aber darüber können wir ja, wie ihr wisst, nichts sagen, weil wir davon nichts sehen.

Sonntag, 15. März 2009

Jeep-Fahrt von Darjeeling nach Gangtok - Shake it!

Infrastruktur. Straßen, die Schlagadern einer Zivilisation, das Rückgrad der Wirtschaft. Ich weiß. Ich wusste es auch vorher. Aber ich habe es erst jetzt verstanden.

Wer sich von Darjeeling weiter gen Nordosten bewegt, betritt unweigerlich den Bundesstaat Sikkim, für den wir als Ausländer eine Genehmigung brauchen. Die haben wir uns bereits in Siliguri organisiert. Das gängigste Fortbewegungsmittel hier sind Jeeps. Geteilte Jeeps. Elf Fahrgäste, ein Fahrer. Meist sitzen vorne neben dem Fahrer drei Leute und in den zwei Bänken dahinter jeweils vier. Kofferraum braucht man nicht, es gibt ja das Dach.

Wir glaubten uns schlau und kauften die ersten drei Sitze neben dem Fahrer, um sicherzugehen, die fünfstündige Fahrt mit allen Körperteilen unbeschädigt zu überstehen. Der Plan ging nicht auf, es war ein anderes Jeepmodell, das nur zwei (indische) Hinterteile neben dem Fahrer vorsah, was für uns zu eng war, zumal der Fahrer dann immer zwischen Daniels Beinen kuppeln musste. Aber der Straßengott hatte ein Einsehen und sorgte dafür, dass der Jeep nicht ausgebucht war und trotzdem fuhr. So wechselten wir auf die hinterste Bank, wo wir fortan als menschliche Gummibälle unser Dasein fristeten.

Als das Auto aus der Parklücke geschoben werden musste, weil es nicht allein ansprang, schwante mir Böses. Der Fahrer jedoch fuhr ganz gelassen in den nächsten Dörfern die Autoreparateure an, bis einer das passende Ersatzteil hatte und es in einer Fünf-Minuten-Aktion einbaute.

95 km, 4,5 Stunden. Shake it, baby. Wenn wir nicht von den Schlaglöchern erschüttert wurden, waren es die Schwellen, die für langsames Fahren sorgen sollen. Auf dem ersten Drittel der Fahrt war die Straßenqualität unsäglich. Dass wir immer am Abgrund entlang fuhren, machte es nicht angenehmer. Entgegen kommende Autos wurden von unserer Existenz durch ein Hupen benachrichtigt. Das zweite Drittel war fast malerisch. Entlang des Teesta-Flusses, der grün-blau, sauber und erfrischend aussah und in einem weißen Steinbett fließt, führte die Fahrt auf mittlerweile recht ordentlichen, aber sehr schmalen, einspurig anmutenden Straßen. Die bessere Qualität erlaubte allerdings auch ein höheres Tempo, was zu erneuten Angstschüben unsererseits führte. Die Mitfahrenden waren alle tiefenentspannt, schliefen sogar teilweise trotz der ständigen Erschütterungen. Der Fahrer seinerseits hatte keine Probleme, neben der Straße und den entgegen kommenden Autos auch noch die ständigen Anrufe seiner nörgelnden Frau entgegen zu nehmen.

Das letzte Drittel der Fahrt war dann im Dunkeln. Eigentlich gut, denn die Lichter der entgegen kommenden Autos sieht man ja sehr gut. Und den Abgrund, in den man fahren könnte, sieht man nicht mehr so deutlich.

Jetzt sind wir also heil in Gangtok angekommen. Diese Stadt ist wie Darjeeling an den Berg geklebt, das heißt, sehr steile, sehr dünne Straßen. Die Aussicht soll auch hier sensationell sein, von der wir auch hier NICHTS mitbekommen. Der Himmel ist blau, die Sonne scheint - aber um uns herum ist nur dichter, weißer Nebel. Die Bergketten dahinter sind sicher toll. Wenn es sie überhaupt gibt. Wer weiß das schon.
n_gangtok

Donnerstag, 12. März 2009

In Darjeeling

Die Heimat des guten Tees. Da sind wir nun also endlich. Was hatte ich mir von diesem Ort alles erhofft. Ruhe, Grün, Natur, sensationelle Aussichten, Bergpanorama. Ich sage euch: NICHTS davon hat sich erfüllt. Gott, was bin ich enttäuscht. Darjeeling ist genau so ein wuseliger Ort wie überall sonst in Indien, es liegt genauso viel Dreck herum, die Häuser sind genauso viel oder wenig heruntergekommen, der Verkehr ist genauso chaotisch, die Hupe genauso geliebt. Menno! Und von der Aussicht kriegen wir nix mit, weil dicke Nebel alle Berge um uns verhängen. Auch die Morgen-Aktion (um vier Uhr morgens auf den Tigerhill) war völlig für die Füße, die Sonne war irgendwann einfach da. Nix mit rot, nix mit traumhaft, nix mit Berge getaucht in Gold.
w-tigerhill

Außerdem bin ich jetzt doch ein bisschen krank. Magen verrenkt, endlich. Nicht so schlimm, aber nervig. Bin also etwas geschwächt und habe zudem zum ersten Mal seit vielleicht zwanzig Jahren Nasenbluten. Ist wohl die Höhe (2134 m).

Tee trinken wir hier viel, ist ganz lecker. Ein paar Cafes gibt es auch, in denen wir auch mal ne Pizza probieren (was wir lieber hätten sein lassen sollen). Während das hochangepriesene Zimmer in Kurseong 2.500 Rupien (gute 40 Euro) gekostet hat, zahlen wir hier 550. In der zweiten Nacht werde ich zwar von einem Bettfloh geplagt, aber sonst ist das Zimmer tadellos und die Dusche tausendmal besser als im Cochrane Place.

Auffällig an diesem Ort ist noch, dass sich hier deutlich die Rassen mixen. China resp. Tibet liegen sehr nahe. So lassen uns Frauen mit chinesischen Gesichtszügen, aber gehüllt in einen Sari, nur auf den ersten Blick stutzen.

Auch zwei Tempel besuchen wir - hier die Bilder davon.
w-tempel


Einen Zoo gibt es hier ebenfalls, wo wir einen schlafenden Bären und einen gähnenden Tiger gesehen haben. Im Gegensatz zu China, wo selbst ich als Nicht-Tier-Freundin mit Tränen in den Augen aus den Zoos gegangen bin, scheint es den Tieren zumindest in diesem Zoo in Darjeeling recht gut zu gehen.
w-zoo

Vorwärts in die Vergangenheit, Logbucheintrag 1. Offizier Daniel P.

w-zugfahrt

Die Zeitmaschine hierfür scheint die Darjeeling Himalayan Railway zu sein. Kraxeln, kriechen, klettern, schleichen, auf geht's, Meter für Meter von Kurseong (1458 m) aufwärts nach Darjeeling (2134 m), man könnte mühelos nebenher joggen... auf alle Fälle ist es auch eine Wiederentdeckung der Langsamkeit, eine Rückkatapultierung um mindestens ein Jahrhundert zurück, damals wie heute, es fahren immer noch dieselben Züge oder sollte ich lieber Bummelbahnen sagen? Es sind jedenfalls keine Bimmelbahnen, eher Hupbahnen, die dem Autoverkehr hier in nichts nachstehen.

Die Sensation dieses Weltkulturerbes ist, dass wohl auch nichts anderes (sprich moderneres) hierher und in diese Gebirgslandschaft passen würde.

Schon beim Ticketkauf wird klar, dass es Unterschiede gibt, an die unsere Fahrgastbehandlungen nicht heranreichen, 1. Klasse fahren kostet gleich das Zehnfache eines Normaltickets und bietet dabei lediglich den Komfort eines Sessels mit Lehnen und ein wenig mehr Beinfreiheit als die für Asiaten konzipierten Normalplätze aus hartem Plastik. Letztendlich würde ich bzgl. der Gesamtgröße dieser Züge dennoch nicht von Spielzeugbahnen sprechen wollen. Wir werden schließlich wie in einem Flugzeug auch mit unserem kompletten Gepäck befördert und mit uns einiges andere mehr.

Grosse Hochachtung überkommt mich daher, was diese Dinger für eine Beförderungsleistung auf dem Buckel haben und Tag für Tag weiter ihre Dienste tun. Respekt nochmals! Auch vor den Menschen die an den Haltestellen unserer Bahnfahrt auf uns warten, um uns ihre Waren zu preisen, gegen den Durst, den Hunger oder die Langeweile und um damit ihren eigenen Lebensunterhalt und ihre Existenz zu bestreiten.
Von w-zugfahrt

So beiße ich nun in den für knapp 10 Cents (6 Rupien) erworbenen Maiskolben, salzig-sauer der Geschmack und auch das Feuer schmecke ich, lehne mich in meinem in die Jahre gekommenen Sessel zurück und bin mir sicher, so hat das Leben hier wohl zu schmecken!

Gastbeitrag von Daniel P., meine Frau Daniela sitzt nur zwei Plätze weiter im selben Internetcafe!

Mittwoch, 11. März 2009

Steiniger Weg ins vermeintliche Paradies

Wer der Hitze, dem Lärm, dem Verkehr und den vielen Menschen Kolkatas entfliehen will, tut dies meist in die "nahegelegenen" Berge in der Gegend um Darjeeling. Kühles Grün, kleine Dörfer, Ruhe, gute Luft, Teeplantagen - das klingt wie im Paradies nach vier staubigen Wochen Indien. Doch der Weg dahin ist lang: Der Zug braucht für die 600 km 11 Stunden, die wir aber größtenteils schlafend verbringen. Der Zugwagon ist angefüllt mit Liegen, von denen sich jeweils acht anschauen: Zweimal drei und einmal zwei Betten übereinander. Wir fahren in enger Gemeinschaft mit einer 16köpfigen Familie, die in Siliguri den Sohn verheiraten wollen. Liebesheirat, wie mir der ältere Cousin augenzwinkernd erzählt. Er selbst ist Banker und fragt mich auch gleich nach meinen Geldanlagen in diesen Zeiten. Es ist eine freundliche Familie und wir schlafen nach ein paar Stunden auch alle einträchtig ein. Das ein oder andere Schnarchen stört fast niemand.

In Siliguri angekommen bringt uns ein TukTuk samt Gepäck nach New Jalpaiguri. Von dort geht es im Bus weitere vier Stunden in die Berge. Die Sitze sind sehr sehr eng - sagen wir es deutlich: Daniel und ich passen nicht zusammen auf die für zwei Personen gedachte Sitzbank. Getrennt und in Kombination mit einem Inder jedoch können wir dann doch mitfahren. Am Busbahnhof wird uns noch ein köstlicher Salat angeboten: Der junge Mann hat in seinem Brustkorb säuberlich geschnittene Gurken, Tomaten, Kartoffeln, Kräuter, Zwiebeln - er vermischt alles in einem Becher, würzt sehr scharf mit Masala und Limone und serviert es auf einem Stück Hochglanzmagazin mit zwei Löffeln, die aus einer Anzeige der Airlines Emirates gezimmert sind. Sensationell!

Die Fahrt zieht sich. Die Straße ist schmal und immer eng am Abgrund entlang. Aber wir halten durch, schließlich ruft das Paradies.

Kurseong liegt auf halber Strecke nach Darjeeling, dort übernachten wir in einem kolonialen Hotel, was uns so angepriesen worden war, dass die Realität fast keine Wahl hatte, als zu enttäuschen. Hier ein paar Bilder – ja gut, es ist schon ganz schön.
l_kurseong
Außerdem gibt es kein Huhn, was die Speisekarte um 80% auf Kartoffeln und Salat reduziert. Naja, is ja nur für eine Nacht. Morgen wartet auf uns der Toy-Train.

Montag, 9. März 2009

Kino in Indien

Es ist nicht immer alles ganz leicht in Indien und gerade als Deutsche stoße ich hier schon das ein oder andere Mal an meine Grenzen. Es ist so laut, so heiß, so viel Verkehr und vieles dauert einfach soooo lang. Als Oase für mich habe ich das Kino entdeckt, das ist nämlich fast so "wie bei uns daheim". :) Nein, im Ernst, es ist echt toll. Es ist kühl (fast sogar zu kalt, ich friere jedenfalls immer), ruhig und angenehm. Ich war bereits viermal im Kino (Slumdog Millionaire, Benjamin Button, Eagle Eye, Slumdog Millionaire). So verzweifelt, dass ich mir auch Pink Panther2 anschauen musste, war ich noch nicht. :)

Vor Betreten des Kinos wird man durchsucht, ob man nicht eigene Getränke oder Essen dabei hat (natürlich nur zu meiner eigenen Sicherheit). Dann kann man sich mit selbigen eindecken. Aber nicht so schwachsinnig wie bei uns: Nachos und Popcorn, also die Snacks, die am meisten Krach beim Essen machen. Wer auf diese Idee gekommen ist....In Indien jedenfalls gibt es natürlich auch Popcorn, aber es gibt auch sehr viel leises Essen: Eiscreme, Sandwiches, Burger und vor allem: Mais. Ich liebe Mais. Hier kann man ihn in kleinen Bechern kaufen, schon vom Körper abgelöst, gedämpft und dann nach Belieben frisch gewürzt, also zb mit Limone und Butter und Salz. Mjam! Schon allein deshalb lohnt sich der Kinobesuch. :)

Natürlich werden wir auch immer auf Waffen untersucht, aber die Auswahlkriterien, was erlaubt ist und was nicht, sind nicht immer ganz transparent. So musste ich einmal die Batterien von meiner Foto-Kamera draußen lassen. Auch die Wasserflasche musste ich in einem Kino abgeben, in einem anderen wurde nur die Banderole abgenommen, aber die Flasche samt Inhalt durfte ich mitreinnehmen. Als ich mit Daniel im Kino war, wurde natürlich auch seine Tasche untersucht, in der als geübter Abenteurer selbstverständlich ein Schweizer Taschenmesser hatte. Der Sicherheitsmensch fragte dann auch, was das denn sei und Daniel sagte: „Ein Messer“ – und durfte es mit ins Kino nehmen.

Vor dem Film gibt es nur ein oder zwei Werbespots, ebenfalls sehr angenehm. Dann wird ein kopiertes Zertifikat eingeblendet, das einem versichert, dass man nun einen echten, ehrlich erworbenen Film zu sehen bekommt und nicht etwa eine Kopie. Ganz in unserem Sinne. Die meisten Inder scheinen die letzten fünf Reihen zu lieben, dort ist immer alles proppevoll. Mein Lieblingsplatz Mitte-Mitte ist billiger und immer frei. Der Film selbst wird kurz in der Mitte unterbrochen, damit man sich wieder mit Mais und Eis versorgen kann, aber echt nur kurz! Vielleicht ein oder zwei Minuten, also ranhalten!

Freitag, 6. März 2009

Echte Liebesgeschichten, nur geänderte Namen

Rahul und Sadhu gehen zusammen aufs College und sind ineinander verliebt. Mehrere Jahre gehen ins Land, beide sind glücklich. Eines Tages verschwindet Sadhu ohne ein Wort, Rahul hat keine Möglichkeit, sie zu finden. Zwei Jahre später meldet sie sich bei ihm, sie ist verheiratet und hat ein Kind. Die Ehe läuft nicht gut, sie denkt an Scheidung. Rahul, der bisher ungebunden geblieben war, überlegt, sie nach der Scheidung zu heiraten (ein an sich schon sehr revolutionärer Gedanke hier). Aber er rennt gegen uneinnehmbare Wände bei seinen Eltern und Freunde. Er kämpft dafür, aber sie lassen es nicht zu. Letzten Endes heiratet er eine völlig fremde Frau in einer arrangierten Heirat. Er hat sie nie vorher gesehen. Ob er sie liebt? "Sie ist sehr nett zu mir und kümmert sich sehr gut um mich. Ich mag sie sehr gerne - aber lieben, nein, ich liebe sie nicht. In meinem Herz ist immer noch meine erste Liebe."

Sunder hat keine Probleme mit Frauen. Schon früh hat er weibliche Freunde, mit denen er gut zurecht kommt, die er mag und denen er vertraut. Aber er wartet lange mit einer Heirat und als er sich letztendlich zu einer solchen entschließt, besteht er auf einer arrangierten. Er möchte, dass seine Familie die Braut auswählt. Sie soll jemand völlig fremdes für ihn sein, nur etwas künstlerisches sollte sie machen. Weil er bereits Künstler in der Familie hat und diesen Schlag Mensch interessant findet. Seine Familie schlägt mit Hilfe einer professionellen Vermittlerin eine junge Frau vor, die beiden treffen sich, unterhalten sich, finden sich sympathisch. Sunder fragt sie, ob sie ihn auch mögen könnten und sich eine Ehe vorstellen kann. Sie sagt ja. Zwei Monate später findet die Riesenhochzeit statt, 1000 Gäste sind geladen. In ein paar Wochen wird Sunder Vater. Er ist sehr glücklich mit seiner Frau, sie passen gut zusammen und er mag es, sie zu verwöhnen. Während ein paar seiner Freunde mit ihren Freundinnen bereits vor der Heirat Kontakt haben und sich morgens beim Aufstehen anrufen, dann beim Frühstücken, dann auf dem Weg zur Arbeit, dann in der Teepause, dann nach dem Mittagessen, dann in der Teepause, sich dann nach Feierabend kurz sehen und abends nochmal kurz telefonieren. Wenn solche Pärchen dann heiraten, sei es mit der Romantik vorbei. Sunder hingegen kann mit seiner "frischen" Frau ganz von vorne anfangen, er kann sie ausführen, verwöhnen und das volle Romantik-Programm durchziehen. Und es läuft richtig gut.

Ajoy ist ein junger aufgeklärter Mann. Er macht sich um die Umwelt in Indien Gedanken und über den Verbrauch von Plastiktüten, der hier noch ohne Rand und Band praktiziert wird. Er ist seit sieben Jahren mit seiner Freundin zusammen, die er auch eines Tages heiraten wird. Warum noch nicht jetzt? Weil sie aus einer guten Familie stammt und einen hohen Lebensstandard gewohnt ist. Er sieht es als seine Aufgabe an, ihr diesen Standard mindestens auch bieten zu können - und daran arbeitet er. Eine Mitgift würde er niemals akzeptieren, schließlich wäre es kein Geld, dass er verdient hat, sondern jemand anderes und er würde sich sehr schlecht fühlen, wenn er sich daran bereichern würde. So arbeitet er fleißig und bildet sich weiter, bis er meint, seiner Angebetenen würdig zu sein.

Essen auf der Straße


Es wird Zeit, diesem Thema einen eigenen Artikel zu widmen. Ich bin ein großer Fan der kleinen Köstlichkeiten, die man hier überall kaufen kann. Hier eine Selektion:
- Tee und Kekse: Gläser mit diversen Kekssorten sind ein gutes Indiz, dass man an diesem Stand auch leckeren, würzigen, süßen, heißen, schwarzen Tee mit Milch bekommt.
- Obst und Gemüse: Dekorativ auf ein paar Bananenblättern angerichtet schneiden die Verkäufer ihr Obst in mundgerechte Stücke, mischen sie zu einer guten Kombination, streuen etwas Massala (Gewürzmischung, ja, salzig!) darauf und verkaufen die Portion für 10 Rupien (16 Cent). Enthalten sind meist: Äpfel, Bananen, Papaya, Gurke, Karotte, eine Kohlrabi-Art, manchmal Ananas und Trauben. Diese Stände kann man ob ihrer Farbenpracht nicht übersehen - aber auch die Nase erkennt sie. Denn die Verkäufer verbrennen meist jede Menge Räucherwerk, so dass es um sie herum wie in einem Tempel riecht. Ich nehme an, das soll die Fliegen vertreiben.
- Diverse salzige Mahlzeiten: Kleine salzige Kringel (gereicht mit dreierlei Sauce), die auch bei uns bekannten Samosas, salzige Pfannkuchen mit Zwiebeln oder anderem Gemüse, ganze Mahlzeiten mit Naan-Brot, chinesische Nudelgerichte - die Variationen an Möglichkeiten sind unendlich. Ich habe noch nicht alle probiert, aber was ich bisher kostete, war köstlich.
- Wasserkugeln: Das bisher bizarrste Streetfood-Erlebnis. Wollte mir Sumit zeigen, als etwas typisch indisches. Es nennt sich Putschka. Die Verkäufer haben einen Berg mit hohlen Teigkugeln in ihrer Vitrine. Diese bestehen aus irgendeiner knusprigen (!) Teigart, vielleicht vergleichbar mit dünnem Mürbeteig. Diese Kugel wird dann mit dem Daumen aufgebrochen und der Verkäufer füllt sie mit ein paar Kartoffelbrocken und KALTER Brühe. Man steh daneben und wird sozusagen stückweise von ihm gefüttert. Naja, essen muss man selbst, aber man kauft zb fünf stück und er bereitet den nächsten Bissen erst zu, wenn man aufgekaut hat, weil es sonst ja total durchweichen würde. Es ist ein sehr seltsames Essgefühl, glaubt es mir.
- Die Süßholzraspler: Zuckerrohrstangen werden auf einer sehr antiken Maschinen ausgepresst und der Saft dann als Stärkung verkauft. Gleiches geht auch mit einer Zitrusfrucht. Diese wird nicht wie bei uns ausgepresst, sondern geschält und durch den Fleischwolf gejagt.

Donnerstag, 5. März 2009

Incredible India: Got change?

Ich kann es nicht mehr hören. In Indien hat niemand Wechselgeld. Ich verstehe es ja, dass ein kleiner TucTuc-Fahrer, mit dem die Fahrt 5 Rupien kostet, Probleme hat, einen 100-Rupien-Schein zu wechseln. Aber ich verstehe nicht, dass er auch Probleme hat, einen 20- oder 10-Rupien-Schein zu wechseln. Oder ich sitze in einem Cafe - und es kostet 140 Rupien. Ich gebe 150 und stürze den Kellner in tiefe Besorgnis, weil er nicht weiß, woher er die 10 Rupien Wechselgeld nehmen soll. Oder Mittags der Essens-Lieferant. Wir bestellen Essen für 720 Rupien und er kommt ohne einen Cent Wechselgeld in der Ewartung, dass wir das schon irgendwie hinkriegen. Ich sage ihm dann, dass das sein Problem sei und nicht unseres, wie er an sein Geld kommt. Hier sind 1000 und ich will bitte das Wechselgeld. Er musste nochmal zurück ins Restaurant. Am schönsten war es gestern im Supermarkt. 126, ich gebe 150 - erneut große Verzweiflung. Ob ich noch was kaufen könnte? Wir bekommen große Probleme, wenn wir dir das Geld jetzt rausgeben müssen. In einem Supermarkt. Abends. Vielleicht war schon jemand da und hat das Geld abgeholt, so dass deshalb nichts in der Kasse war. Aber wie kann man so wenig Geld übrig lassen, dass man noch nicht mal 26 Rupien (40 Cent) rausgeben kann?

Tagesablauf im indischen Büro

9.15 Der Facility Manager und Tea-Boy öffnet das Büro, stellt die Klimaanlage an, leert die Mülleimer
9.20 Eine Putzfrau geht mit einem Strohbesen über den Teppich und wässert den steinernden Eingangsbereich
9.30-10 Die Kollegen treffen ein
9.45 Erster Durchlauf der Wasserfilteranlage, die dabei digitale Musik macht
10 Ausdruck der Emails auf einem Nadeldrucker
12 Tee-Pause mit einem Keks
14 Mittagessen. Entweder es wird bestellt oder alle essen ihr mitgebrachtes: Meist Reste vom Vorabend in kleiner Menge, mit etwas Brot. Wenn jemand nichts dabeihat, wird bereitgiebig geteilt
16.30 Teepause mit einem Keks
18 Feierabend
18.01 Alle Steckdosen, Lichter, Ventilatoren, Modems usw werden abgeschaltet
18.05 Der Facility Manager schließt das Büro ab: Zuerst werden innen alle Räume abgeschlossen und am Ende die Außentür mit vier Schlössern an zwei Türen und einem Gitter.

Dienstag, 3. März 2009

Massage die zweite: Lieferung frei Haus

I did it again. Ich habe es nochmal gewagt nach der letzten unangenehmen Erfahrung. Eine indische Bekannte empfahl mir eine Masseurin, die auch nach Hause kommt. Sie sollte mich gestern von der Arbeit abholen. Als ich das Büro verließ, standen da eine junge und eine ältere Frau in Saris vor der Tür - die jüngere war meine Masseurin, die ihre Mutter mitgebracht hatte. Nagut, dachte ich, sie will wohl sehen, wohin es geht und dass ihre Tochter in Sicherheit ist. Beide begleiten mich also in mein Zimmerchen, das ja wie gesagt durch mehrere Schlösser von der Außenwelt abgeriegelt ist. Dort angekommen stellt sich heraus, dass die Mutter keineswegs gedenkt, uns jetzt allein zu lassen. Als ich ihr versuche zu sagen, dass mir das nicht so recht wäre, beginnt das Problem. Wir haben sowieso sprachliche Probleme: "Mam, my language: Hindi" "And my language is English, sorry!" und können uns nicht wirklich verständigen. Da beide zögern, sage ich: "It is up to you. Come in and have a look or we could also just leave it." Beide schauen sich das Zimmer an und schlagen dann vor, dass die Mutter die Stunde im Dunkeln auf dem Stuhl vor dem Zimmer wartet. Was für mich zwar ok wäre, aber ich mir nicht vorstellen kann, dass es für die Mutter so toll ist. Als ich dann sage, dass ich aber das Gittertor zu- und damit die Mutter und uns einschließen muss, spüre ich erneut Widerstand.

Ich muss dazu sagen - ich rede die ganze Zeit nur über die beiden. Mir selbst war auch keineswegs wohl bei der Sache: Erstens bin ich in dem Zimmer nicht zu Hause, zweitens kenne ich die Frau ja auch nicht, drittens ist Massage sowieso was ziemlich persönliches, viertens ist die Idee einer Home-Massage in einem fremden Zimmer an sich schon seltsam. Ich war also mehrmals kurz davor, das ganze abzublasen - allein der Gedanke an einen Abbruch war schon erleichternd. Dann aber wieder will ich ja alles ausprobieren, was hier üblich ist. Und Massage zu Hause ist üblich. Überall hängen Zettel: Massage in your home, only for Ladies. Und eine Telefonnummer. Ich fragte Sumit schon in Pune danach. Er meinte, Massage sei oft in der Tat ein Deckname für etwas anderes, aber wenn es so explizit nur für Ladies ist, sei es sicher in Ordnung. Das heißt, dass Inderinnen sowas auch in Anspruch nehmen. Deshalb wollte ich das also ausprobieren, auch wenn ich mich unwohl fühlte. "Da musste jetzt durch und zumindest alle Möglichkeiten ausloten", denke ich in solchen Situationen immer.

Nun gut, zurück zur Situation vor meiner Zimmertür. Ich bot der Mutter an, dass sie den Schlüssel für das Schloss auch haben kann, aber auch das wurde nicht enthusiastisch begrüßt. Als rettende Idee kam mir dann, meine Vermieterin, die zumindest Englisch spricht, miteinzubeziehen. Wir klingeln also bei ihr und sie vermittelt in der Tat. Die Mutter darf bei ihr im Wohnzimmer warten und das Schloss übergebe ich ihr auch. Alle sind einigermaßen beruhigt und zufrieden.

Die Massage selbst war ziemlich gut, nur dass sie mich geschlagen hat. Andauernd. Ist das üblich? Also ich wurde das letzte Mal so als kleines Kind versohlt. :) Aber wenn sie mich nicht geschlagen hat, war die Massage ziemlich gut und entspannend. Ich habe ihr dann, weil ich es nicht kleiner hatte, gleich die Bezahlung für eine zweite Massage gegeben und wir sehen uns am Donnerstag wieder. Mal sehen, ob sie dann wieder mit Mama anrückt. :)

Als wir beide dann aus dem Zimmer raustreten, weil ich sie zum Tor bringen wollte, kommen uns die beiden älteren Ladies gerade entgegen, die in bestem Einvernehmen gerade einen gemeinsamen Abendspaziergang gemacht hatten. Die Masseurin entschuldigt sich noch für ihr Zögern am Anfang, woraufhin ich ihr natürlich nur versichern kann, dass es völlig ok und verständlich ist, schließlich kannte sie mich ja nicht.

Sonntag, 1. März 2009

Entdeckungsreise in Kolkata: Walking around

k_kolkata

Kolkata ist wirklich anders als die anderen Städte. Dass ich hier angekommen bin, könnt ihr auf den Fotos unschwer an den coolen gelben Taxis erkennen, die das Straßenbild prägen. Die Straßenbahnen sind eine weitere Kolkata-Besonderheit. Außerdem soll Kolkata die einzige Stadt in Indien sein, wo es noch Rikscha-Läufer gibt, also Männer, die mit ihrer eigenen Kraft und ihren eigenen Füßen andere Menschen auf einem Wagen hinter sich herziehen. In anderen Städten wurde das schon lange abgeschafft, was die Regierung auch hier versucht hat. Aber gestern erklärte mir eine Inderin: "Diese Männer sind sehr stark und sie haben sonst keine anderen Fähigkeiten. Wenn man es ihnen verbietet, habe sie keine Lebensgrundlage. Also wird es jetzt wieder toleriert."
Kolkata ist zudem eine gute Shopping-Stadt. Viele Märkte bilden sich hier beispielsweise um die Metro-Station Esplanade, wo auch viele Backpacker-Hotels sind. Ich bin viel rumgelaufen, habe ein bisschen eingekauft, mir das Victoria Memorial angeschaut, an einem Straßenstrand gefrühstückt und in einem Hotelschiff zu Mittag gegessen - Probleme hatte mein Magen mit letzterem. Ich vermeide es immer noch, frische Säfte an der Straße zu kaufen, aber alles andere vertrage ich besser als die Küche der Hotels und großen Restaurants. Zum Thema Street-Food wird es demnächst an dieser Stelle ein paar mehr Infos geben.

Zugreisen und ihre Planung

Ich fahre sehr gerne Bahn. Überall auf der Welt bin ich immer beeindruckt, wie gut das funktioniert und wie komfortabel man sich auf Schienen durch ein Land bewegen kann. Auch in China hat mich das System echt begeistert, dort habe ich keinen Zug erlebt, der zu spät war. Das ist in Indien anders, die drei Züge, in denen ich gefahren bin, waren alle mindestens eine halbe Stunde verspätet. Aber das finde ich nicht schlimm. Was ich jedoch fatalerweise unterschätzt habe, war die Vorbereitungszeit. Man kann hier nicht einfach so in einen Zug hüpfen. Auch nicht übermorgen. Schon gar nicht, wenn es eine Nachtfahrt ist und man eine Liege braucht. Wer das will, muss sich mindestens, wirklich allermindestens zwei Wochen vorher festlegen. Das sagte mir Rajesh zwar auch, auch eine Deutsche, die hier lebt, wies mich darauf hin. Ich hörte es, glaubte es und dachte aber dennoch, wird schon irgendwie klappen. Ich kümmere mich um meinen Urlaubstripp nach Darjeeling und Puri, wenn ich in Kolkata angekommen bin.
Letzten Freitag, also am 27.2. war kein einziger Platz mehr für irgendeinen Zug gen Darjeeling am 9.3. zu bekommen. Nichts zu machen. Am 10. habe ich dann noch zwei Betten gefunden von insgesamt noch drei verfügbaren. Ein Blick auf den zweiten Teil der Tour gen Puri offenbarte, dass auch dort die Züge - wir reden hier vom 20.3. - völlig ausgebucht sind. Seufz. Menno. An für uns nicht ganz optimalen Daten habe ich jetzt noch Plätze gefunden, zwei Fahren davon in der ersten Klasse, weil da eben noch was frei war. Das Internetportal der indischen Bahn ist super, nur dass man sich auch registrieren muss, wenn man nur eine Verbindung nachschauen will. Und ich kann leider keine Online-Tickets buchen, weil man dazu eine indische Kreditkarte braucht. Ich muss mir also einen Zug raussuchen, dessen Verfügbarkeit prüfen und dann ein Blatt wie dieses ausfüllen.

Damit tigere ich dann zu einem "Computerized Booking Office", stelle mich in die lange Schlange und kaufe die Tickets.

Entdeckungsreise in Kolkata: Die Metro

Gestern war Samstag und ich bin losgezogen, um Kalkuta kennen zu lernen. Ich habe es mir in Google Maps angeschaut und den kürzesten Weg zur nächsten Metro (30 min Autofahrt), es gibt nur eine Metrolinie bisher, rausgesucht. Bin ins Taxi gesprungen und dorthin gefahren. Am Metroeingang wurde ich mit den beruhigenden, grün blinkenden Worten begrüßt: "Metroservice available". Die Station selbst war sehr schäbig, die steinernen Treppen schon mehrere Zentimeter tief abgelaufen von den tausenden von Menschen, die hier seit 1984 tagaus, tagein hoch- und runterlaufen.
Das teuerste Ticket für die längste Strecke kostet 8 Rupien, also 13 Cent. Am Bahnsteig ist es recht dunkel. Überall stehen große, unheimliche Ventilatoren rum, die für ein wenig Luftbewegung sorgen. Ein Fernseher überträgt ein Fußballspiel, was mit Interesse verfolgt wird. Dann fährt sie ein. Sie ist voll. Sehr voll. So voll, dass "voll" in seiner Wortbedeutung nicht ausreicht.
Aber wir wollen alle auch noch rein. Yipieh! Auf in die Schlacht! Ein Schubsen und Drängen geht los, was man echt erlebt haben muss. Und dann gehen die Türen zu. Irgendwie. Und wieder auf. Und wieder zu. Etwa dreimal macht der Fahrer dieses Spiel, vielleicht war an anderer Stelle jemand eingeklemmt. Als sich die Bahn ächzend in Bewegung setzt, bin ich froh, dass ich das Glück habe, direkt an einer Frau zu kleben. Also so richtig, ganzer Körper an ganzem Körper. Die folgenden Stationen wird es nicht viel besser, aber irgendwann dann steigt doch ein nennenswerter Teil aus, ein paar Stationen später sogar so viele, dass ich mich setzen kann und erstmals das Schild über den Bänken entdecke: "Ladies". Sehr nett, zumindest sitzen kann man in der U-Bahn als Frau recht unbehelligt. Fotografieren ist leider verboten, deshalb muss euch meine Beschreibung reichen.

Incredible India: Beim Schneider

Ich berichtete ja bereits davon, mir einen sogenannten 3-Pieces-Suit zu kaufen. Der Fahrer in Agra brachte mich zu einem seiner Bekannten, einem Schneider. Dort wählte ich mir einen Stoff aus - für diese Anzüge werden die hier in fertigen Sets angeboten, also soundsoviel Meter für das Oberteil, soundsoviele für die Hose und einen farblich perfekt passenden Schal dazu. Innerhalb von einer Stunde (!) zauberte mir dieser Mann einen maßgeschneiderten Anzug, den ich echt toll finde. Ich habe mir im Laden nebenan noch einen von der Stange gekauft, der auch echt was hermacht. Die türkise Kombination hatte ich sogar schon bei geschäftlichen Treffen an, was wirklich gut ankommt. Und man fühlt sich so wohl darin! So elegant wie die indischen Frauen werde ich zwar nie wirken, aber es ist wirklich ein tolles Tragegefühl. Bin mal gespannt, ob ich die auch in Deutschland anziehe. Lieber Chef, Sie können für diese Gelegenheit schon mal an ein paar bissigen Kommentaren arbeiten. :) Ich habe extra relativ dezente Modelle ausgewählt. Anbei die Fotos, die eurer euphorischen Kommentare harren. :)
Gleiches habe ich übrigens hier in Kalkuta probiert, es ging nicht ganz so schnell und kostete einen kleinen Aufpreis, aber geklappt hat es auch. Ich bin jetzt also im stolzen Besitz sechs 3-Piece-Suits, von denen vier maßgeschneidert sind! Die Preise werden euch sicher auch interessieren. Beide Anzüge von der Stange waren leicht teurer (!) als die maßgeschneiderten, aber alle bewegen sich so zwischen vier und sieben Euro jeweils. Unglaublich, oder?
daniela im 3-pieces-suit

Donnerstag, 26. Februar 2009

Das Zimmerchen in Salt Lake

zimmerchen

Genau wie Sumit lebt und arbeitet Kollege Rajesh nicht im Stadtzentrum von Kolkata, sondern in einem Außenbezirk: Salt Lake. Hier ist es ebenfalls ruhiger, grüner und etwas stiller als mitten in der Stadt. Als Rajesh mich fragte, ob er mir für die Zeit hier ein Hotelzimmer (ca 50 Euro pro Tag), eine Pension (ca 30 Euro pro Tag) oder ein Appartment (ca 120 Euro für einen Monat) buchen soll, sagte ich (ganz der vorbildliche Arbeitnehmer :)): "Das billigste. Solang es ne Dusche und einen Ventilator hat und keine Kakerlaken rumkriechen, bin ich zufrieden." So wohne ich jetzt in dem sogenannten Appartment. Es ist ein Zimmerchen, das seine besten Tage schon gesehen hat, aber es erfüllt die von mir genannten Kriterien. Obwohl - warmes Wasser hat die Dusche nicht. Da das in Indien nicht zentral geregelt ist, braucht jeder, der warm duschen will, einen Boiler daheim. Ich könnte mir von meiner Vermieterin immer einen großen Eimer heißes Wasser geben lassen, den dann mit kaltem mischen und mich damit abduschen (ein kleiner Gießeimer ist im Set enthalten). Da es hier aber so heiß ist, habe ich es bisher ganz gut geschafft, auch kalt zu duschen. Das Zimmer liegt im Erdgeschoss und ist mit drei großen Schlössern vor der Außenwelt gesichert. Wenn ich also heimkomme, muss ich mich erstmal hier in Fort Knox durch die Sicherheitskontrollen zwängen. Morgens höre ich hier den Milchmann, den Postboten, den Kartoffelmann, den Wäschemann (nehme ich zumindest an, ich verstehe ja nicht, was sie rufen) und sonstige Anbieter vorbeidüsen, die ihre Dienste lauthals anpreisen. Da sie das aber nicht so früh machen, ist das völlig in Ordnung. Toll ist, dass ich nur fünf Minuten laufen muss, bis ich im Büro bin. Rajesh hat mir zudem gestern eine Karte gemalt, wo meine wichtigen Ankerpunkte verzeichnet sind: Internetcafe, Frühstücksort, diverse kleine Restaurants für andere Mahlzeiten, ein Markt, ein Kino, ein großer Park, ein Geldautomat. Alles fußläufig. Das Zimmerchen ist also völlig in Ordnung für mich und erinnert an die Studienzeit etwa in China. Der Unterschied allerdings zu den sensationellen Zimmern, in denen ich in Delhi (Le Meridien) und Chennai (GRT Grant) - hier hatte eine halbstaatliche indische Organisation eingeladen - schlafen durfte, ist entsprechend exorbitant. Da hier aber die meisten Unterschiede exorbitant sind, passt auch das perfekt in den Aufenthalt.

Mittwoch, 25. Februar 2009

Die Traktor-Massage

Während bei uns in der Shampoo-TV-Werbung ein Fokus auf schuppendem Männerhaar liegt, ist in Indien das ausfallende Frauenhaar eher ein Thema. Bis jetzt habe ich nicht verstanden, woran das liegt. Nach der heutigen Massage bin ich etwas schlauer. Nach einem Tag, an dem ich 26 (in Worten: SECHSUNDZWANZIG) Meetings hatte, alle mit indischen Fabrikanten, die ihre Produkte verkaufen wollen, war ich so platt, dass ich mir eine Massage gönnen wollte. Nach dem letzten Aufenthalt in Indien kannte ich die Aryuveda-Massage und habe sie als sehr sanft, sehr ölig und wirklich entspannend in Erinnerung. 16 Euro kostet die Stunde im hoteleigenen Spa, das ist natürlich billiger als in Deutschland, aber teurer als in China, wo ich letzten November auch die ein oder andere Massage nach den langen Messetagen genossen habe. In China haben die Indien-erfahreneren Kollegen von der Messe noch gelästert: "Ja, wir müssen die Massagen hier in China mitnehmen, in Indien ist das ja alles ganz anders. Was die da unter Aryuveda-Massage verkaufen, ist ja eher eine Art Öl-Streicheln." Ich folge also vertrauensvoll der jungen Frau, die mich in DIE KAMMER führt. Atmosphäre ist hier unwichtig, lediglich ein kleiner Altar für die indischen Götter versucht ein wenig Stimmung zu machen. Musik gibs auch keine. Dafür aber die plärrenden Kinder und keifenden Mütter von der Umkleide des Swimmingpools, die direkt nebenan ist. Diese klopfen auch von Zeit zu Zeit an die Tür, weil meine Masseurin auch die Schlüsselmeisterin der Umkleideschränke ist. Nun gut. Es geht los - zuerst die Haarausreißmassage. Im Sitzen knetet sie meine Kopfhaut, dass mir Hören und Sehen vergeht. Ist bestimmt für irgendwas total gut gewesen, aber angenehm war es nicht. Dann die richtige Massage. Sie zäumt das Pferd, also mich, von hinten auf. Sie beginnt bei den Beinen und Füßen auf der Vorderseite, ich liege also auf dem Rücken. Sie knetet, zieht, drückt, presst was das Zeug hält und ich werde immer angespannter. Normalerweise geht so eine Stunde Massage extrem schnell rum und man würde am liebsten gleich noch eine dranhängen. Glaubt mir, hier nicht. Diese Stunde wollte nicht vergehen. Bin gespannt, wann ich das das nächste Mal wage.

Dienstag, 24. Februar 2009

Tochter? Sohn?

Habe heute meinen neuen Kollegen Srinath kennen gelernt, der im April Vater wird. Als ich fragte, ob es ein Mädchen oder ein Junge wird, erzählte er mir, dass es den Ärzten in Indien verboten sei, diese Info an die Eltern zu geben. Ihr habt wahrscheinlich schon davon gehört, dass es derzeit einen frappanten Mädchenmangel gibt, weil viele Eltern ihre Töchter abtreiben lassen. Anders als in China geht es hier weniger um die Arbeitskraft, die bei einem Jungen größer als bei einem Mädchen. In Indien ist es vor allem die Problematik der Mitgift. Selbst gut verdienende, wohl situierte Väter müssen, wenn sie zwei oder drei Töchter unter die Haube gebracht haben, finanziell gesehen so ziemlich bei Null anfangen. Die Aussteuer oder Mitgift ist oft so hoch, dass sie die Familie der Braut in die Mittellosigkeit stürzt. Damit nun keine weiteren Mädchen abgetrieben werden, dürfen also anscheinend die Ärzte das Geschlecht des Ungeborenen nicht verraten.

Amber-Ford in Jaipur

jaipur-web

Jaipur ist auch als Pink City bekannt, weil viele Gebäude hier in dieser Farbe bemalt sind. Wobei ich es eher als Terrakotta mit Rosastich bezeichnen würde. Aber gut, das sind Spitzfindigkeiten. Nach drei Tagen unterwegs im Goldenen Dreieck (Delhi-Jaipur-Agra) muss ich rückblickend sagen: Am besten hat mir das Amber Fort in Jaipur gefallen. Und warum? War es soviel anders als die anderen beeindruckenden Forts oder Burgen oder Stätten, die ich besichtigte? Wahrscheinlich nicht - aber wie immer sind es die Details. Das Amber Fort hat eine Audio-Führung, die sensationell ist. Verschiedene Stimmen, die sehr anschaulich und farbig die verschiedenen Stellen des Forts beschreiben, und zwar in der Ich-Form: "Ich bin die Empfangshalle. Ich habe viele Könige kommen und gehen gesehen, die in mir ihre Audienzen abgehalten haben...." usw. Wirklich toll. Ich war richtig verzaubert. Es ist ja immer so: Je mehr Zugang man zu etwas bekommt, desto enger wird die Bindung und desto toller kann man es finden. Außerdem hatte dieses Fort noch ein schönes Cafe, in dem ich mit einem leckeren Schokogetränk die sensationelle Aussicht genoss.

Samstag, 21. Februar 2009

Touching Taj Mahal

Von i_agra

Was für ein Erlebnis! So oft gesehen, so viel davon gehört - und jetzt sehe ich es mit eigenen Augen. Aber richtig einfach wird es mir nicht gemacht. Viel Chaos um das Taj herum, viele Stände, viele Verkäufer, viele "Guides", die mir ihr Fachwissen anbieten. Aber ich will es ja allein machen, habe ja schließlich mein schlaues Buch dabei. Mein Fahrer hat mich noch gewarnt: "Du darfst nichts mit reinnehmen, keine Taschenrechner, Handy nur ausgeschaltet, keine Waffen." Ok, Waffen verstehe ich. Farbeimer würde ich auch verstehen. Aber warum keine Taschenrechner? Und warum sind Handys erlaubt, die doch alle Taschenrechner sind? Naja, wird schon nicht so wild sein, dachte ich mir. Ich kenne die Kontrolle in Indien ja mittlerweile. Vor jedem Straßenmarkt, vor jeder Shoppingmall, vor jedem Hotel, vor jeder Messehalle stehen die piepsenden Türrahmen, durch die der Besucher zu schreiten hat. Geht er außen rum, wird er schroff darauf hingewiesen, doch bitte durch den Rahmen zu gehen, der dann auch ob der Schlüsselbunde, Handys, Säbel, Maschinengewehre oder was man eben sonst so dabei hat auch brav lospiepst. Aber das ist dann ok. Es piepst und man darf weitergehen. Manchmal werden auch die Taschen kontrolliert, das bedeutet, ein flüchtiger Blick hinein reicht - der sicherlich nicht nicht die Krummsäbel entdeckt hätte, die ich immer unter meiner Schminkschatulle dabeihabe. Nungut, so habe ich mir das also auch beim Taj Mahal vorgestellt. Doch hier wurde richtig kontrolliert. So richtig mit alles durchwühlen und so. Natürlich entdeckt sie auch meinen Ipod, der nicht erlaubt ist. Außerdem nicht erlaubt: Meine alte Bonbondose und - mein Kuschelstofftier-Fisch! Wirklich! Ein kleines blaues Schlüsselanhänger-Fischlein von fünf Zentimetern Durchmesser! Eine Bedrohung! Ich musste also den ganzen Weg zurückjoggen, alles einschließen lassen, wieder zurück in die Schlange und dann, endlich, betrete ich das Grundstück des Taj Mahal. Der Weg führt durch ein paar architektonische Präliminarien, man schreitet durch den Torbogen und dann taucht es auf. Weiß in der Sonne, blauer Himmel, kreisende Vögel, grüne Wiese und viele buntgekleidete Menschen. Was für ein Anblick. Es war wirklich erhebend. Je näher ich kam, desto erhebender war es. Es ist so schön, dass ich fast weinen musste. Eine Gebäude mit Wirkung, zweifelsohne. An seinem Fuße angekommen muss ich dann meine selbigen ver- oder enthüllen, um den weißen Marmor betreten zu dürfen. Mit sehr vielen anderen Leuten begebe ich mich ins Allerheiligste, also hinein ins Taj, wo noch der Sarg der hochgebohrenen Ehefrau zu finden ist, zu deren Ehren dieses Mausoleum errichtet wurde. Von Ehrfurcht, Andacht, Ruhe ist hier aber nichts zu spüren. Es ist ein Gedränge und Geschubse ohnegleichen. Was aber in Indien natürlich nicht schlimm ist. Was ich aber schlimm finde sind die Wächter. Die müssen für irgendeine Form von Ordnung sorgen und das tun sie, in dem sie in den hohen Marmorhallen mit ihren Trillerpfeifen pusten, was das Zeug hält. Ohrenbetäubend. Hat meine Ehrfurcht ziemlich ernüchtert. Aber auch danach streife ich noch auf dem Gelände umher, beobachte die Menschen und freue mich am Anblick. Es hat sich auf jeden Fall gelohnt.
agra-web

Freitag, 20. Februar 2009

Film: Lust auf Straßenflavour?

Über den Verkehr in Indien wurde schon an anderer Stelle alles gesagt. Ja, es sind sehr viele Zwei-, Drei- und Vierräder sowie Zwei- und Vierbeiner auf den Straßen. Ja, es wird extrem viel gehupt – aber die Botschaft ist fast immer: „Pass auf, ich bin hinter dir“ oder „Lass mich doch vorbei“ – und nie wie in Deutschland: „Du hast was falsch gemacht und ich ermahne dich.“ Ja, zwei Spuren werden mindestens dreispurig befahren. Ja, die Staus sind sehr lang und man braucht viel Zeit von A nach B. Aber beeindruckend finde ich wirklich das Fahrverhalten hier. Alle mogeln sich so durch den Verkehr, aber es fehlt vollkommen die Aggressivität, die in ähnlichen Situationen in Deutschland aufkommen würde. Alle fahren gelassen, nutzen die Straßen so gut es geht und tolerieren einander ohne das ständige Ermahnen. Eine extrem hohe Reaktionsfähigkeit, gepaart mit einem ausgezeichneten Augenmaß zeichnen die Autofahrer aus.
Hier habe ich unter Einsatz meines Lebens für euch die Kreuzung Badi Chaupar in Jaipur überquert und dabei gefilmt. Viel Spaß!
h_jaipur

Incredible India: Kontaktlinsen

Als ich am Freitag um fünf Uhr morgens das Haus verließ, um mich in den Zug nach Jaipur zu setzen, bin ich mit Brille auf die Straße gegangen. Etwas, was ich in den letzten zwanzig Jahren vielleicht zweimal gemacht habe. Ich trage immer Linsen. Dieses eine Mal dachte ich, für die frühe Zugfahrt ist es vielleicht besser, dann kann ich noch ein bisschen dösen, ohne dass meine Augen komplett zukleben. Es kommt, wie es kommen muss - als ich die Linsen einsetzen will, stelle ich fest, dass ich nur eine dabei habe. Geschickt, die Dame! Also laufe ich in Jaipur mit Brille rum. Es ist heiß, die Sonne brennt. Die Brille rutscht und eine Sonnenbrille kann ich so auch nicht tragen. Außerdem bin ich als Linsenträger anderen Sehkomfort gewöhnt und werde so langsam richtig schlecht gelaunt. Einen Optiker scheint es nicht zu geben, ich frage zwei Leute. Als ich so über einen Straßenmarkt schlendere, komme ich an einem Shop vorbei, der Sonnenbrillen und angeblich auch "Contact Lenses" hat. Na, das wollen wir doch mal sehen. Dazu muss ich sagen, dass ich derart kurzsichtig bin, dass meine Linsen in den meisten Optikerläden in Frankfurt nicht vorrätig sind. Ein junger Mann sagt, dass er seinen Bruder anrufen muss, aber dass er denkt, dass er die Linsen für mich hat. "Wie lange würde das dauern?" frage ich skeptisch. "Höchstens zehn Minuten." Klar. Zehn indische Minuten vielleicht. Zwei Minuten später kommt der Bruder persönlich vorbei, holt sich die Details, verschwindet wieder, telefoniert, trifft jemanden, kommt wieder. In der Zwischenzeit unterhalte ich mich mit dem jüngeren Bruder über die Unterschiede zwischen China und Indien. Als ich mir eine Cola Light holen will, zieht er selbst los, kauft sie und lässt sie mich noch nicht mal bezahlen.
Von jaipur-web

Etwa 8,5 Minuten, nachdem ich diesen Shop aufgesucht habe, ist der ältere Bruder wieder da, gibt mir die Linsen, ich bezahle und gehe staunend von dannen.

Donnerstag, 19. Februar 2009

Der Mann unter der Treppe

Das ist etwas, das mich immer noch nachdenklich macht, wenn es mir durch den Kopf zieht. Bei meiner Wirtin Hilda in Noida lebt ein Mann, der mir nachts, wenn ich gegen 12 oder sogar 1 Uhr nach Hause kam (für die Kollegen: Nein, nicht von den wilden Parties, es waren bis auf zwei Treffen mit Sumit und seiner Frau alles geschäftliche Treffen - und die Fahrt von Delhi nach Noida dauert dann eben immer auch nochmal ne Stunde) immer die Tür aufgemacht hat und mir auch morgens oft das Frühstück brachte. Dieser Mann lebt unter der Treppe. Also, was heißt lebt. Er schläft dort eben. Er hat kein eigenes Zimmer und anscheinend auch keine größeren Besitztümer. Hilda sagte mir, dass er schon seit acht Jahren für sie arbeite. Ich habe es Sumit erzählt und ihn um seine Einschätzung gebeten. Er meinte, dass er wahrscheinlich einer dieser Männer sei, die ihre Familie irgendwo entfernt auf dem Land haben, wo sie sehr ärmlich leben. Er ist in die Stadt gezogen und legt jeden Cent zurück, um ihn an die Familie zu schicken. Einmal im Jahr fährt er nach Hause und sieht sie. Sowas kenne ich auch aus China, aber es so vor meinen Augen zu sehen und dieses Deckenlager unter der Treppe, das ist schon sehr real.

Dienstag, 17. Februar 2009

Straßenmarkt: So gefährlich!

Als ich allein durch Delhi streifte, bin ich natürlich auch in den ein oder anderen Straßenmarkt reingestolpert. In der Nähe des Connaught-Places (das Zentrum der Stadt, ein kreisrunder Platz mit drei Straßenringen drumherum, vielen Geschäfte, Cafes und Restaurants) ist er im Gegensatz zu den übrigens stylischen Geschäften ein richtig schöner improvisierter, dreckiger, lauter und bunter Straßenmarkt, wie ich es liebe. Voller Freude steuere ich also darauf zu bis ich von einem jungen Inder aufgehalten werde: "Geh da nicht rein, das ist viel zu gefährlich für dich!". Was meint er? Ich nicke ihm beruhigend zu und gehe weiter. Ein zweiter junger Inder kommt auf mich zu und sagt mir das gleiche. Jetzt bin ich doch ein bisschen beunruhigt. Ich meine, warum sollten sie mir das sagen, wenn da nichts dran wäre? Oder ist es nur die mir schon häufig begegnete Sorge der Einheimischen, dass für mich als Ausländerin etwas zu gefährlich oder zu unpassend ist, was für jeden Inder zum Alltag gehört? Ich beschließe, dass es wohl letzteres ist und betrete den Markt. Natürlich durch den Piepsenden Rahmen. Derart abgesichert :) betrete ich nun also den gefährlichen Markt, der wirklich einfach nur ein normaler Markt war. Abends gehe ich sogar nochmal hin, also im Dunkeln! Und kaufen mir sogar einen Rock für 3,20 Euro. Ich fands nicht gefährlich, aber ich bin immer noch verblüfft über die zweifache Warnung.

Sightseeing in Delhi: Fotos und Mini-Film

delhi-sightseeing-web

Viel von Delhi - außer den endlosen Wegen zwischen den einzelnen Terminen - habe ich nicht gesehen. Nur ein paar Highlights musste ich natürlich abarbeiten, das verlangt die Ehre. So besuchte ich zumindest das Rote Fort, das Grabmal eines Mogulherrschers und das Grabmal von Ghandi. So kam ich auch mal in den "Genuss" der Diskrimierung, fühlt sich wirklich nicht gut an: Als ausländischer Tourist zahlt man das 25fache an Eintritt zu derartigen Attraktionen wie ein Einheimischer. Die Besuche der drei Monumente waren jedenfalls ihr Geld wert, wie ihr euch auf den Fotos selbst überzeugen könnt. Außerdem hänge ich noch einen richtig coolen Kurzfilm an, mal wieder gute Laune pur.

delhi4

Montag, 16. Februar 2009

Mittagessen mit Pari

Und noch einen letzten Kurzeintrag zu unserer Stand-Hostess. Sie wollte mir unbedingt etwas zu essen mitbringen, ich konnte es ihr nicht ausreden. Ihre Mutter ist dafür anscheinend sehr früh aufgestanden und hat dann extra gekocht. Pari hat dann die beiden Gerichte und das Naan-Brot mit auf die Messe gebracht, wo wir es in der Mittagspause verspeist haben.
Von e_pari

Sari-Dialog

Pari: Ma'm, hast du irgendwelche Fotos von dir?
Ich: ??
Pari: Na, Fotos von Dir, im Internet oder per Email oder so?
Ich: Warum sollte ich?
Pari: Naja, ich hab mal welche von mir machen lassen, so ein bisschen aufgebrezelt eben und da dachte, vielleicht du auch.
Ich: Ne, hab ich nicht. Aber schick mir doch mal eins von diesen Fotos.
Pari: In einem Sari würdest du bestimmt toll aussehen.
Ich: Das bezweifel ich.
Pari: Doch, doch, wirklich. Oder magst du keine Saris?
Ich: Ich finde, sie sehen ganz fantastisch aus. An indischen Frauen. Findest du nicht, dass eine Ausländerin damit lächerlich aussähe?
Pari: Nein, überhaupt nicht, du musst unbedingt mal einen anziehen, ich würde dich so gerne darin sehen.
Ich: Nun, ich hab halt keinen und hier auf der Messe lässt sich das wohl auch schwer umsetzen.
Pari: Oh, kein Problem! Ich bring dir einfach einen Sari mit und dann probieren wir das aus, ok?
Ich: Mmhn, nein?! Glaube auch nicht, dass ich da reinpassen würde.
Pari: Doch, doch, das geht. Das sieht sicher toll aus. Ich bringe dir einen mit, ok?
Ich: Nein, das ist echt lieb von dir, aber lass mal. Ich kaufe mir vielleicht mal einen dieser Zweiteiler (Langes Oberteil, Hose und einen passendes Schal/Tuch dazu). Das sieht auch sehr schön aus und das könnte ich evtl. sogar in Deutschland tragen.
Pari (leicht enttäuscht): Nagut. Aber wenn ich dir eins von meinen Bildern schicken, auf denen ich im Sari modelle, dann musst du unbedingt auch ein Foto machen, wenn du so eine indische Kombination trägst und mir schicken.
Ich (mich dareingebend): Versprochen.

pari

Anmerkung: Auch Sumit und Rajesh sind nicht der Meinung, dass Ausländerinnen im Sari albern aussehen, im Gegenteil. Zitat: "Auf einer Messe waren drei Holländerinnen in drei wunderschöne Saris gehüllt für den Standdienst. Und als sie dann nach der Messe über das Messegelände zum Auto liefern, gab es einen richtigen Massenauflauf, so als wären hier ein paar VIP. Das hat echt für Aufsehen gesorgt, denn es sah wirklich toll aus."

Sonntag, 15. Februar 2009

Tanzende Männer

Gestern abend war Ausstellerabend - ein rauschendes Fest mit großem Buffet und natürlich auch Musik zum Abrocken. Es ist klar, dass auf solchen Maschinenmessen Frauen nicht stark vertreten sind. Auf der Tanzfläche jedoch waren wirklich ausschließlich Männer. Ich habe noch nie so ausgelassene, fröhliche, glückliche tanzende Männer gesehen. In Deutschland sind tanzende Männer entweder "cool" und extrem unglücklich. Ich weiß, es gibt Ausnahmen. Aber das gestern abend war echt faszinierend, ich hätte ewig zuschauen können. Hier ein kleiner Film für euch, damit ihr versteht, was ich meine. Enjoy!

dancing-men-video

Kann man sich eigentlich immer anschauen, wenn man schlechte Laune hat.

Durch die Vorhänge gespäht

Wie lebt die indische Mittelklasse? Weiß ich nicht - ich kann nur erzählen, wie Kollege Sumit lebt, der aber auch eher der oberen Mitteklasse angehört. Noida würden wir in unserem Sprachgebrauch als Vorort von Delhi bezeichnen - aber es liegt in einem anderen Staat mit anderer Verwaltung und eigener Jurisdiktion. Das ist auch der Grund, warum Taxis vom Flughafen Delhi nicht bis nach Noida durchfahren dürfen.

delhi2-web


Ok, also Vorort. Das heißt, etwas weniger Verkehr, weniger Lärm, flache Häuser. Meine Pension ist in einem davon, Sumits Wohnung und Büro ein paar Häuser weiter. Er hat zwei Balkone, zwei Schlafzimmer, ein Hobbyzimmer, Küche und Bad sowie ein großes Ess-, Wohn- und Flurzimmer. Seine Tochter ist sechs Monate alt und seine Frau arbeitet derzeit nicht. Sie haben eine Haushaltshilfe und eine Putzfrau - was eine Familiengründung wie in Kinderspiel erscheinen lässt. ;)

Apropos Familie: Elternsein hört hier anscheinend niemals auf. Vater und Mutter kümmern sich um ihren Nachwuchs ein Leben lang. Selbst wenn die Kinder bereis eigene Kids haben ist die Bindung sehr eng - im positiven (füreinander dasein) wie im negativen (Einmischung) Sinn.

Der Traum einer jungen Frau

An unserem Messestand haben wir eine Hostesse beschäftigt. Sie ist 19 Jahre alt, natürlich sehr hübsch und trägt auf unseren Wunsch immer einen schönen Sari. Sie war unsere zweite Wahl, aber die bessere. Wir hatten am Tag vor der Messe auf dem Gelände einen Typen angesprochen, der wohl als, nennen wir es mal Manager, für die die Mädchen auftritt. Er hatte vier dabei und empfahl uns diejenige, die Sumit in Gedanken als erste aussortiert hatte. Ihr Englisch war gut, aber sie schien sehr abwesend. Als wir ihr erklärten, was ihre Aufgaben wären (auf die Leute im 15 qm großen Stand zuzugehen und ihnen einen Kaffee anzubieten, war ihre Antwort mit großen Augen: "You mean, like WALK to them? I thought I would just stand here!" Dann sagten wir ihr, dass sie eventuell auch Sandwiches machen müsste. "MAKE them?" - so als ob es etwas völlig absurdes wäre. Wir sagten schließlich, dass sie wohl andere Vorstellungen vom Hostess-Job hat als wir und dass wir uns nach einer anderen umschauen wollten. Aber dann meinte sie, sie könne sich doch damit arrangieren und ihr Manager bestand auch darauf, dass wir sie nehmen sollten. Sumit und ich hatten beide Bauchschmerzen dabei. Später am Tag kamen dann zwei Mädels zu uns, von denen die eine bereits bei einem anderen deutschen Aussteller engagiert war. Sie wirkten so freundlich und offen, dass wir die zweite, Pari, spontan ansprachen und engagierten. Wir sagten dem Manager per Telefon ab - er rief bis spät in die Nacht immer wieder an, um uns umzustimmen.

Die erste hätte 1500 Rupien, also 24 Euro, am Tag gekostet, von denen sie aber höchstens 450 bis 600 gesehen hätte. Pari bekommt jetzt 1200 von uns, die ihr ganz allein gehören. Hat sie ja auch ganz allein verdient. Ich habe sie gerade gefragt, warum nicht alle Frauen es so wie sie machen und direkt zu den Ausstellern gehen. Sie meinte, dass nicht alle allein einen Job finden und dass viele auch daheim bleiben und von ihrem Manager bei einem Auftrag nur angerufen werden.

Pari jedenfalls war ein Glücksgriff, weil sie sehr offen ist und auch einfach mit anpackt. Das konnte ich mir bei der ersten gar nicht vorstellen. Pari ist noch nicht verheiratet und hat auch keinen Freund - sie will sich erstmal um ihre Karriere kümmern. Sie macht derzeit eine Ausbildung als Flugbegleiterin. Später will sie dann parallel zum Job ihren MBA machen, um dann als Personalleiterin bei derselben Airline zu arbeiten.
"Bis ich das erreicht habe werde ich mich nicht verlieben oder gar heiraten. Völlig ausgeschlossen. Erst mal die Karriere."
"Echt, und wie alt bist du dann, wenn du Personalleiterin bist?"
"Naja, so 25 oder 26 Jahre alt."
"Aha, und du denkst, dass du dich bis dahin nicht verliebst?"
"Ja, klar."
"Und du denkst, dass du das kontrollieren kannst?"
"Natürlich, ich treffe mich einfach nicht mit Männern."
"Ja, aber stell dir vor, dir begegnet einfach ein total netter Typ und du fragst dich dann: Vielleicht ist das der Mann meines Lebens und ich lass ihn jetzt ziehen, nur für meine Karriere."
"Das wird nicht passieren. Und wenn - es gibt so viele einigermaßen nette Männer, da werde ich schon was finden, wenn es soweit ist."
"Und außerdem seid ihr indischen Frauen ja auch total im Vorteil, weil ihr in der Minderheit seid und ihr euch deshalb in Ruhe den besten Mann aussuchen könnt."
(lacht) "Genau!"
"Und, wirst du dann auch weiter arbeiten?"
"Ja, natürlich! Es wäre ja schön blöd, so viel Anstrengung da reinzustecken und dann das Leben am Herd zu verbringen."
"Sehe ich auch so."
"Meine Familie auch. Sie unterstützen mich sehr. Sie sind sogar sehr streng darin und würden mir auch gar nicht erlauben, vorher zu heiraten."

Rothaarige Männer


Ich persönlich finde weiße Strähnen bei schwarzhaarigen Männern recht attraktiv. Hat so was distinguiertes. Die Männer hier scheinen das anders zu sehen. Weißhaarige Männer sind kaum zu sehen - entweder schwarz- oder eben rotschwarzhaarige. Da schwarze Farbe künstlich sei und Henna natürlich ist und als gesund gilt, bekämpfen in die Jahre gekommene Männer die weißen Strähnen mit Henna.

Samstag, 14. Februar 2009

Von Tüchern und freundlichen Gesten

So ziemlich jedes Mal, wenn ich aus dem Auto steige, vergesse ich, dass mein schönes und einziges Halstuch auf dem Schoß liegt. Dann landet es meist auf der Straße. Gestern morgen blieb es wohl unbemerkt dort liegen - großes Wehklagen! Sogar Kollege Sumit suchte mit, aber es war nichts zu machen. Als ich abends bei ihm und seiner Frau zu Besuch war - wir wollten zusammen essen gehen und ich konnte endlich meine mitgeschleppte Weißweinfalsche an den Mann bringen - fragte Sumit sogar nochmal, ob es für mich echt so schlimm war, das Tuch verloren zu haben. Naja, was ist schon schlimm. Ich habe es halt in China gekauft und mochte es gern. "So, then maybe this makes you feel a bit better" - sprachs und überreichte mir ein neues, ebenfalls grünes Halstuch als Geschenk. Supernett, oder? Und am selben Tag! Da verliere ich doch gern ein Erinnerungsstück, wenn es gegen ein noch erinnerungsreicheres, da persönliches, eingetauscht wird.

Donnerstag, 12. Februar 2009

Delhi, Part 1

Endlich Boden unter den Füßen geht es in Delhi dann ganz schnell. Gepäck, Auto, Fahrt, Pension. Allein. Mit einer Schnake. Wenig Schlaf. Es ist eine private Pension mit fünf Zimmern und der freundlichen Wirtin Hilda. Die Nacht inklusive Frühstück und Internet kostet hier 33 Euro. Nachdem wir heute den ganzen Tag durch die Stadt gegurkt sind und wieder extrem gute und informative Gespräche hatten, bin ich noch allein ein wenig einkaufen gegangen. Und dann das Abendessen von Hilda. Eine Sensation. Ich musste es fotografieren, genau wie auch sonst die Räumlichkeiten hier.
Delhi

Mehr gibt es aus Delhi erstmal nicht - aber diese frischen Fotos wollte ich euch einfach nicht vorenthalten.